1953 inszenierte Carol Reed den Thriller "The Man Between". Zur Handlung: Die junge Engländerin Susanne (Claire Bloom) besucht ihren in West-Berlin stationierten Bruder Martin (Geoffrey Toone). Ihr fällt schnell auf, dass ihre deutsche Schwägerin Bettina (Hildegarde Neff alias Hildegard Knef) etwas zu verheimlichen hat. Hat etwa Bettinas deutscher Freund Ivo Kern (James Mason ) etwas damit zu tun? - Im zweiten Teil des Films geht der Fokus auf die Beziehung zwischen Susanne und Ivo. Susanne verliebt sich in den zwielichtigen Mann. Als sie in Gefahr gerät, ist sie auf seine Hilfe angewiesen. Aber kann sie ihm wirklich trauen?
Besonders beeindruckend an dem Film ist die fast dokumentarische Darstellung des Lebens in Berlin. Auch acht Jahre nach dem Krieg sind die Folgen des Krieges überall sichtbar. Flüchtlinge und Trümmerfrauen prägen das Stadtbild. Während sich im Westteil der Stadt allmählich das wirtschaftliche Leben bessert, gibt es im Ost-Sektor nur verwalteten Mangel und Propagandasprüche. Fluchten in den Westen und Entführungen in den Osten sind alltäglich. Der Film handelt von den Fluchthelfern, den Schwarzmarktgeschäften, dem Problem der Spätheimkehrer, von Kriegswaisen, dem hohen Preis des sozialistischen Aufbaus und erpresserischen Geschäften quer über die Sektorengrenzen. Auch schon Jahre vor dem Mauerbau ist das unbefugte Überqueren der Sektorengrenzen lebensgefährlich.
Die Darstellerleistungen sind alle hervorragend. James Mason (der schon mit Reed das Fluchtdrama "Odd Man Out" drehte) als Ivo zeigt einen zerrissenen Mann, der zunächst vor allem auf den eigenen Vorteil bedacht ist, zunehmend aber seine Verantwortung für andere Menschen sieht und letztlich daran scheitert. Es ist dem Film anzumerken, dass er keine amerikanische Produktion ist. Auf der Flucht müssen sich Susanne und Ivo für eine Nacht ein Zimmer mit einem Bett teilen. Auch wenn keine richtige Liebesszene gezeigt wird, so deuten Dialog ("Ich bin doch kein Kind mehr.") und Blicke eindeutig darauf hin, dass zwischen zwei Szenen etwas "passiert" ist. Vermutlich hätten amerikanische Produzenten das so nicht durchgehen lassen.
Hildegard Knef ist zwar erst achtundzwanzig, kann aber überzeugend eine Frau spielen, die schon sehr viel erlebt und durchlitten hat in ihrem Leben. Es ist ein bisschen schade, dass sie im zweiten Teil des Films kaum mehr auftaucht. Claire Bloom ist hier kurz nach ihrem Durchbruch in Chaplins "Limelight" als sensible, verunsicherte und verliebte junge Frau zu sehen. Aribert Wäscher gibt als kommunistischer Apparatschik eine fast schon diabolische Vorstellung. In einer Nebenrolle ist auch Ernst Schröder als Fluchthelfer zu sehen.
Etwas ärgerlich ist allerdings die deutsche Synchronisation. Um den deutschen Zuschauern zu "erklären", warum alle Deutsch reden, empfiehlt Martin seiner Schwester, ausschließlich Deutsch zu reden, um ihre Sprachkenntnisse zu verbessern. Fortan reden beide Deutsch mit englischem Akzent (oder was die Synchronsprecher dafür halten), was besonders absurd ist, wenn sich die beiden Engländer alleine unterhalten. Außerdem widerspricht es der Geschichte, da in einer Szene (in der Originalfassung) ausdrücklich auf Susannes bescheidene Deutschkenntnisse hingewiesen wird. Dadurch verstärkt sich die Spannung, als Susanne versuchen muss, aus dem Ost-Sektor zu fliehen. In der Originalfassung spricht Mason in einigen Szenen Deutsch und das gar nicht mal so schlecht.
Die Musik von John Addison illustriert kongenial Anspannung, Hoffnungslosigkeit, aber auch kurze Momente der Vertrautheit. Einige Jahre später erhielt er den Oscar für seine Filmmusik zu "Tom Jones". Besonders das Oboenthema beeindruckt, gerade wenn Ivos jugendlicher Freund auftaucht. Tragischerweise ist er mit seinem Fahrrad so auffällig, dass er die Protagonisten in Gefahr bringt.
Den Vergleich mit Reeds Meisterwerk "Der dritte Mann" halte ich für etwas unfair. Oft wird "The Man Between" als müder Abklatsch deklassiert. Das ist etwa so, als ob man einem talentierten Maler andauernd vorwerfen würde, niemals ein Picasso werden zu können. Trotz thematischer Parallelen hat Reed hier eine ganz eigene Geschichte inszeniert, die zutiefst berührt. Fast ohne äußere Action fesselt der Film bis zur letzten Einstellung. Der Kalte Krieg wird von seiner schäbigsten Seite gezeigt, als Konfrontation inmitten einer Stadt, die immer neue Opfer produziert. Natürlich unterstützt das winterliche Wetter diesen Eindruck.
Für mich ist "The Man Between" eher ein Vorläufer solch exzellenter Agententhriller wie "Der Spion, der aus der Kälte kam" (in dem übrigens ebenfalls Claire Bloom die weibliche Hauptrolle spielt). Schade, dass der deutsche Verleih den etwas dämlichen Titel "Gefährlicher Urlaub" wählte.
Arthaus präsentiert den Film in guter Bild- und Tonqualität. Optionale deutsche Untertitel sind vorhanden. Szenen, die nicht in der ersten deutschen Fassung zu sehen waren, sind im Original mit deutschen Untertiteln eingefügt (Man mochte den deutschen Zuschauern wohl nicht Ivos Kriegserlebnisse zumuten!). Als Extras gibt es lediglich den Trailer, Bildtafeln zum Werk von Sir Carol Reed, eine Fotogalerie und Programmhinweise (11 Trailer).
Beeindruckend, ein echter Geheimtipp!