Die große, fast vergessene Seattle-Welle nahm vor um und bei 20 Jahren ihren Anfang, gewann schwindelerregend schnell an Höhe und brachte im September 1991 "Nevermind" hervor, veränderte also quasi die Welt. Seitdem gibt es "Rock" und "Alternative Rock", was ja an sich schon reichlich bescheuert ist. Nur ein bisschen weniger bescheuert ist der Terminus "Grunge", der mit dem Release von "Superfuzz Bigmuff" auf die Welt kam und in den Monaten danach als Etikett für einen Haufen Gitarrenbands diente, die alle mehr oder weniger aus Seattle kamen und lange Haare hatten; soviel zur Begriffsklärung und (etwas groben) historischen Einordnung eines Phänomens, dessen einzige Überlebende Pearl Jam und Mudhoney zu sein scheinen...Bands, wie sie verschiedener nicht sein könnten; und doch haben spätere Pearl Jam- bzw. Mudhoney-Mitglieder in den 80ern bei den semi-legendären Green River zusammengespielt, die sich letztlich auflösten, weil die einen ambitionierte Rock-Langweiler werden wollten (genau genommen: Alternative-Rock-Langweiler) und Mark Arm darauf keinen Bock hatte. Gitarrist Steve Turner war genau deswegen schon vorher ausgestiegen.
"Superfuzz Bigmuff" erscheint dieser Tage als aufgepumptes 2-CD-Jubiläums-Reissue mit den üblichen Demo- und Liveversionen und war 1988 Mudhoneys Karrierehöhepunkt. Seitdem ist Beharrlichkeit (eher schon Renitenz) die herausstechende Eigenschaft dieser Band, und neue Fans werden sie mit "The Lucky Ones" wohl auch nicht gewinnen. Man muss sie nehmen, wie sie sind, denn sie werden den Teufel tun und versuchen, Aussenstehende zu becircen. Andere Bands entwickeln sich, Mudhoney haben immer ungefähr den selben Kram gemacht: Stooges-beeinflussten Gröhlrock mit verschwenderischem Einsatz bestimmter amerikanischer Effektpedale, in den frühen 90ern geschmackvoll um Sixties-Elemente (Farfisa-Orgeln und sowas) erweitert, Richtung Jahrtausendwende mit etwas mehr Seventies-Breitbeinigkeit. "The Lucky Ones" eine Rockjounalisten-Floskel wie "Back to the roots" anzutackern, wäre für Mudhoney schon zu prätentiös, aber nachdem auf den letzten zwei Alben sogar einfallsreich gesetzte Bläser zu hören waren, reduziert sich der Sound hier größtenteils auf das, was die Band mitbringt; eigentlich sogar auf noch weniger, denn Mark Arm spielt gar keine Gitarre, singt nur, was aber kaum einen Unterschied macht. "The Lucky Ones" liegt damit etwa zwischen dem ersten Album (1989) und der wunderbaren "Every Good Boy Deserves Fudge" v. 1991.
Immer schon waren Mudhoney da, wo andere Richtfest feiern, schon fertig, diesmal wirken die Songideen aber noch angerissener, noch weniger zuendegedacht; die Riffs bekannt, Mark Arms Gegreine wie gewohnt. Kalkulierte Irritationen wie die Pause vor der Soloverlängerung bei "Inside Out Over You" oder die häßliche Türklingel in "I'm Now" konterkarieren den Eindruck einer gewissen Beliebigkeit wie kleine Ohrfeigen. "What's This Thing?", ein Höhepunkt der Platte, kippt bei 2:33 um in eine schraddelige walking-bass-Polka, die bald harsch ausgeblendet wird. Am Ende von "New Meaning", nach knapp 37 Minuten Spieldauer, macht ein Schlußakkord KLONG! wie bei Sgt. Pepper, aber die Bockigkeit des ganzen Albums lässt diese Reminiszenz wie eine Verhöhnung grosser Gesten der Rockmusik klingen, und sowas kann man ja gar nicht oft genug machen. "The Lucky Ones" ist miesgelaunt, sarkastisch und anti aber völlig frei von Larmoyanz oder gar Cobain-mässigem Leiden. Und rockt wie Sau. Das erzeugt Sympathien und macht mit jedem Anhören mehr Spass. Mudhoney sind Verweigerer, und der ganze, schmierige Rockzirkus braucht genau solche Leute: Typen, die ihr Ding durchziehen, ohne sich anzuwanzen; oder, wie Mark Arm es in für ihn typischer Weise bei "The Open Mind" formuliert: "The open mind is an empty mind, so I keep mine closed."