The Lost Crown aus der Feder von Jonathan Boakes ist definitiv eines der besten Adventures der letzten Jahre. Es hat einfach alles, was ein gutes Spiel ausmacht: eine fesselnde, sehr dichte Story, eine Vielzahl von Aufgaben und Rätseln, einfache Handhabung, ungewöhnliche Grafik und vor allem eine extrem lange Spieldauer - in Zeiten, wo das durchschnittliche Adventure grade mal 10 Stunden dauert, sind die auf der Verpackung von The Lost Crown angegeben 36 Stunden ausnahmsweise nämlich mal nicht hoffnungslos übertrieben, sondern durchaus realistisch - vorausgesetzt, man spielt ohne Lösung.
Zur Story: Nigel Danvers hat seine Nase in Angelegenheiten gesteckt, die ihn nichts angehen und landet auf der Flucht vor seinem Arbeitgeber in dem verschlafenen Küstenort Saxton. Hier stößt er rasch auf ein uraltes Geheimnis, das sich um drei angelsächsische Kronen rankt, von denen nur noch eine existiert. Wo diese Krone verborgen liegt, weiß allerdings niemand, und nachdem Nigel ein neugieriger Mensch ist, beginnt er zu recherchieren. Dabei stößt er auf immer seltsamere Informationen, Zeit und Raum scheinen zu verschwimmen, und nachdem er dann auch noch von seinem Arbeitgeber eine professionelle Ausrüstung für die Geisterjagd zugeschickt bekommt, darf er sich auch noch mit übernatürlichen Phänomenen auseinander setzen. Unterstützt wird er dabei von Psychologiestudentin Lucy, einer Einheimischen, die zwar die alten Legenden kennt, den Geistergeschichten aber äußerst skeptisch gegenübersteht. Die Handlung braucht eine Weile, um richtig in Schwung zu kommen, aber spätestens ab Tag 2 konnte ich mich von dem Spiel nicht mehr losreißen. Eine derart dichte und atmosphärische Story ist mir schon lange nicht mehr untergekommen, und obendrein weiß man bis zum Schluss nicht so recht, worauf das Ganze hinauslaufen wird, wie die einzelnen Charaktere zueinander stehen etc. Selbst nach dem Ende bleiben noch einige Fragen offen - das Spiel beschäftigt einen also auch über den Abspann hinaus.
Die Steuerung ist sehr benutzerfreundlich und intuitiv ausgefallen - Point-and-Click at its best. Die Hotspots sind in der Regel leicht auffindbar, manche können erst zu einem späteren Zeitpunkt untersucht/benutzt werden, während andere scheinbar überhaupt keine Funktion haben. Die Anwendung von Gegenständen bzw. das Führen von Gesprächen ist denkbar einfach gehalten - ein kurzer Klick auf den Gegenstand bzw. die Person, mit der man sprechen will, genügt. Im Inventar können die einzelnen Gegenstände noch mal genauer untersucht werden, in Nigels Unterkunft gibt es eine Möglichkeit, Beweisstücke abzulegen, sodass das Inventar zwar immer gut gefüllt bleibt, aber nie aus den Nähten platzt.
Richtig gut gefallen hat mir die Möglichkeit, mit einem speziellen Equipment auf Geisterjagd zu gehen. Sobald man den Nachtsicht-Camcorder benutzt, wechselt die Perspektive von 3rd zu 1st Person, was für ein noch intensiveres Spielerlebnis sorgt - und gerade Sequenzen, die mit dem Camcorder gespielt werden müssen, sind oftmals ziemlich gruselig. Aber auch sonst kommt immer wieder angenehmer Grusel auf; Schockelemente werden sparsam, aber äußerst effektiv eingesetzt, und zwar immer dann, wenn man sie am wenigsten erwartet. Hier wird die ganze Klaviatur des Grusels und Horrors geschickt bedient.
Die Grafik mag für viele gewöhnungsbedürftig sein - größtenteils bewegen wir uns in einer schwarz-weißen Welt, die nur gelegentlich von Farbtupfern durchsetzt wird. Was anfangs etwas seltsam wirken mag, trägt zur Atmosphäre des Spiels in einem Ausmaß bei, das bei farbiger Grafik so nicht möglich gewesen wäre. Hinzu kommt ein atmosphärischer, aber dezenter Soundtrack, garniert mit passenden Geräuschen, die ebenfalls für Gruselstimmung sorgen. Auch die Sprecher machen ihre Sache passabel; lediglich ein paar Übersetzungsfehler in einigen Dialogen sorgen kurzfristig für Verwirrung, hier hätte man etwas sauberer arbeiten können.
Selbst das beste Spiel hat allerdings auch negative Seiten: So gibt es lediglich 8 Speicherplätze, was bei der langen Spieldauer äußerst ungeschickt gewählt wurde - man kommt nicht umhin, einen Spielstand nach dem anderen immer und immer wieder zu überschreiben. Ein weiteres Manko: Nigel bewegt sich oft etwas langsam, allerdings kann man per Doppelklick auf einen Ausgang dafür sorgen, dass er in Windeseile zum nächsten Screen gelangt. Ebenfalls schlecht gelöst: Gespräche können nicht abgebrochen werden, und Dialogoptionen bleiben auch dann bestehen, wenn man ein Gespräch schon von A bis Z durchexerziert hat. Das hätte man ebenfalls besser lösen können.
Abgesehen von diesen kleinen Kritikpunkten ist The Lost Crown ein umwerfendes Spiel, das mich stundenlang vor den Bildschirm gebannt hat. Es spricht auch für das Spiel, dass ich, nachdem der Abspann über den Bildschirm geflimmert war, sofort wieder von vorne beginnen wollte und außerdem überlegt habe, mir die englischsprachige Version zu besorgen - beides Dinge, die mir noch bei keinem anderen Spiel passiert sind.
Fazit: Wer subtilen Grusel, garniert mit wohldosierten Schockelementen, eine spannende, atmosphärische Story mag und nicht davor zurückschreckt, zahlreiche Gespräche zu führen und zig Dokumente zu lesen, um der Lösung des Rätsels näher zu kommen, der ist mit The Lost Crown garantiert gut bedient.