Die Box enthält auf 2 DVDs eine Mini-Serie mit vier Episoden je ca. 1 Stunde, die einen Roman des britischen Autors Jake Arnott aus dem Jahr 1999 verfilmt, den ich nicht kenne. Sprache ist Englisch mit englischen UT.
Im Mittelpunkt steht die auf realen Vorbildern basierende Figur des Harry Stark als Gangsterboss im Londoner East End der 60er Jahre. Der homosexuelle Stark betreibt mehrere Nachtclubs, betrügerische Scheinfirmen (sog. "Long Firms") und diverse andere Geschäfts- und Kleinkriminalität. Die Episoden spielen im Abstand mehrerer Jahre und reichen bis in die Siebziger hinein. Jede Episode wird aus der Perspektive einer Figur erzählt, mit der Starks in der erzählten Zeit zu tun hat. Manche der früheren tauchen in späteren Episoden mit kurzen Auftritten wieder auf:
(1) Ein Lord und ehemaliger Parlamentsabgeordneter, der durch seine spät gelebte Homosexualität zu Stark in Kontakt kommt und dann auch mit dessen kriminellen Aktivitäten.
(2) Eine Schauspielerin, deren Karriere nicht mehr so läuft, und die Stark födrdert.
(3) Ein Kleinganove, dem sich Stark durch eine gemeinsame Zeit im Knast verbunden fühlt und den er für manche Aktivitäten beschäftigt.
(4) Ein Soziologiedozent, der Stark in einem Seminar über soziologische Theorien zu verbrecherischen Verhalten kennenlernt und von dem charismatischen, intelligenten Gangster angezogen wird.
Stark ist eine ungewöhnliche Figur. Er ist kriminiell, punktuell auch brutal (das spielt aber in den Ereignissen kenen große Rolle), gleichzeitg aber auch gebildet und immer gepflegt. Er hat z.T. 'altmodische' Ansichten, was ein Verbrecher 'darf', und lebt sehr zivile, absolute Loyalität zu manchen Menschen, die er liebt (z.B. einen jungen Mann, in den er in einer Mischung aus sexuellen Begehren und Väterlichkeit verliebt ist).
Die Gesamtstimmung und -anlage ist die einer eher langsamen Erzählung, die die Ereignisse nicht schnell vorantreibt, längere und durchaus auch mal etwas intellektualisierende Dialoge beinhaltet (daneben aber auch sehr spritzige, griffige und punktuell sehr witzige). Es ist eine Charakterstudie Starks, die viele Facetten der Figur beleuchtet, dabei aber auch immer ein bisschen im Ungefähren bleibt, so wie auch die Figur als Gangsterboss immer ein wenig nicht greifbar bleiben will und getrieben zwischen Gangstertum, dem Verlangen nach einer bürgerlich anerkannten Exitenz und klassichen Moralvorstellungen nicht immer zielgerichtet durchs Leben stolpert. Die Figur ruft manchmal Anflüge von Sympathie hervor, kann sie aber nie wirklich wecken.
Visuell ist alles eher dunkel gehalten. Kostüme und Kulisse sind auf gutem Niveau, das Nachzeichnen der Entwicklungen vom dandyhaften über die Beats bis hin zu den frühen Hippies ein wichtiges Nebenthema. In anderen Produktionen sind die Sixties für mich aber auch schon lebendiger geworden. Schauspielerisch werden druchgehende sehr gute Leistungen geboten. Klassich gute britische Schauspielkunst.
Von den vier Episoden hat mich die erste im ganzen am meisten überzeugt, die zweite schwächelt etwas, die dritte ist gut bis sehr gut, die vierte fängt ganz stark an, lässt dann aber etwas nach. Im ganzen knappe fünf Sterne.