Was ist bloß so cool am "Living Room" an der Lower East Side, New York? Was bringt berühmte Musiker immer wieder dazu, morgens um zwei Uhr die Bühne zu betreten und einen Song zu spielen, den sie gerade erst geschrieben haben? Vielleicht liegt es daran, dass das "Wohnzimmer" nun wirklich kaum größer ist als die Studios, in denen die Künstler sonst ihre Kräfte lassen; man fühlt sich also offenbar wirklich hier schnell irgendwie Zuhause.
Wie dem auch sei - Norah Jones war auch hier. Dieser beeindruckende Nachweis ihrer fulminanten Bühnenpräsenz im "Living Room" ist auf der sechs Songs umfassenden Bonus EP nachzuhören, die 2009 als
limitierte Edition gemeinsam mit
The Fall erschien. Auf dem hier vorliegenden Live-Album ist Miss Jones mit einem damals unveröffentlichten siebten Song vertreten; die gefällige Jazz-Pop-Ballade heißt "I've Got To See You Again" und dauert knapp vier Minuten. Und das war es dann auch mit dem jones'schen Name Dropping auf dieser CD. Was aber keineswegs bedeutet, dass nicht auch die übrigen elf Songs (zuzüglich eines dreizehnsekündigen Intros) dieses "Best of Living Room" überaus wirkungsvolle Ohrenschmeichler sind. Mit Jesse Harris, Malcolm Holcombe, Rachel Loshak und Chris Moore ist ja über Norah Jones hinaus ein durchaus bemerkenswertes Line up vertreten.
Da wäre zunächst
Jesse Harris, hier mit seinen Songs "If He Asks You That" und "I'm All Right" präsent. Er offeriert die übliche Dosis: 28,3 Prozent Jazz, 28,5 Prozent klassisches Singer-Songwritertum, 43,2 Prozent Urban Folk. "Don't know why" - mehr fällt einem in Sachen Jesse Harris wohl meist leider nicht ein. Immerhin bekam Mr. Harris für diesen Song einen Grammy. Jawohl, es war dieser Jesse Harris, der King of Downtempo, der die Nummer nicht nur (für Norah Jones) geschrieben, sondern ein paar Jahre zuvor bereits gemeinsam mit seiner Stammband "The Fernandinos" veröffentlicht hatte. "Don't know why" by Jesse Harris fehlt hier - leider!
Dann also
Malcom Holcombe, der in seiner umwerfenden Americana-Mixtur aus Folk, Country, Blues und Rock "To The Homeland", "Dressed In White" und "Yesterdays Clothes" knurrt. Er erzählt bittersüße Short Stories über das Leben, von der Sehnsucht, vom Weggehen, von der Liebe und vom Nachhausekommen. Mit schwieligen Fingern pickt er in die Gitarrensaiten, lässt den Stahl knallen, hämmernd rhythmisch, sirrend melodisch und offenbart eine fabelhaft eigenwillige Gitarrentechnik. Wüst und sanft. Ein knarrender Bariton, der an
Guy Clark und
Tom Waits erinnert und doch ganz anders ist.
"Muddy Road", "Here I Am" und "Trying Not To Be Still" sind die musikalischen Beiträge der wunderbaren, hierzulande leider wenig bekannten
Rachel Loshak. Was macht die Sängerin und Bassistin Rachel Loshak so besonders? Auf jeden Fall ist es ihre ausgeklügelte, eigenwillige und ausgefeilte Basstechnik und ihr ebensolcher Gesanges-Stil. Die Kombination ihrer Einflüsse aus der klassischen Madrigal (ein mehrstimmiges Vokalstück meist weltlichen Inhalts aus der Renaissance und des Frühbarock) bis zum alternativen Pop bietet eine überraschend klare und zugängliche Basis für ihre fragilen, ausgesprochen persönlichen Texte. Auf der Bühne erweist sich Rachel als begnadete Menschenfängerin.
Und schließlich Chris Moore. "Single Stroke", "Nowhere Special" und "No Validation" sind seine wohlfeilen Beiträge fürs akustische Wohnzimmer. Er präsentiert eine ziemlich entspannte Form seiner, wie er es selbst bezeichnet, "Elektro-Akustik", die auch auf seinen LP "Renaissance" und
Freaks & Stones durchaus bereichernd klingt.
Zusammengefasst bietet "The Living Room" in 50 Minuten ein Dutzend Songs, allerdings beileibe keine Dutzendware. Wir lauschen gerne und überwiegend verzückt relativ guter, Hand gemachter Akustik-Musik, die mit Hilfe der intimen wohnzimmerartigen Club-Atmosphäre eine ganz eigene Note und mit der populären Norah Jones namentlich und künstlerisch eine besondere Aufwertung erfährt; allerdings hätte man sie am Ende mit ihrem einsamen Song wohl auch nicht wirklich vermisst. Das wertet die anderen vier Künstler und deren beeindruckende Performance auf der Wohnzimmer-Bühne durchaus auf. So bleibt es ein Album für nahezu alle Gelegenheiten, das weitgehend schmerz-, ecken- und kantenfrei zum Entdecken der Magie des New Yorker "Living Room" einlädt - dies mit Hilfe erstklassiger Künstler nebst deren durchaus intensiver, stilistisch vielfältiger Musik, meist jenseits gängiger Hörgewohnheiten. Empfehlenswert!