lee miller (1907-1977) hat viele verschiedene leben gelebt, die sie, wie ihr sohn antony penrose niederschrieb, "in vielen wasserdichten abteilungen" voneinander getrennt hielt. erst die nach ihrem tode von ihrem sohn durchstöberten briefe und fotografien brachten etwas übersicht - und führten zu dieser sehr aufwühlenden biografie. im ersten leben wurde sie als 7jährige vergewaltigt und mit einer geschlechtskrankheit angesteckt. der sie therapierende kinder-psychiater soll geraten haben, sex für etwas unbedeutendes wie tee-trinken zu halten. ihr erster freund brad stürzte sich, 14jährig, beim gemeinsamen kanu-ausflug ins wasser und ertrank. als sie, 21jährig, new york verließ, überflog der in sie verliebte pilot argylle im tiefflug ihr schiff und stürzte noch am selben tag tödlich ab. in paris verdrehte sie u.a. man ray den kopf - aus dieser zeit der berühmte akt-torso, von man ray fotografiert, auf lee millers körper zeichneten sich jalousie-streifen ab. lee miller wurde in paris selbst zur porträt-fotografin, fotografierte die damals international bekannteste schönheit, die ägypterin nimet aziz, deren ehemann verliebte sich in lee, nimet beging selbstmord. lee millers jahre in ägypten waren eine ähnlich wasserdichte kammer wie die als fotomodell für damen-binden in new york. provoziert hat sie immer. langeweile hat sie gehasst. als der weltkrieg ausbrach, arbeitete sie in london für vogue - modeaufnahmen herstellend. dieser banalen beschäftigung entwand sie sich schnell, verliebte sich in den amerikanischen kriegsberichterstatter und LIFE-journalisten scherman - und schuf nach der invasion ihre erschütterndsten foto-reportagen. sie dokumentierte als erste das konzentrations-lager DACHAU; tage später hitlers verlassene wohnung in münchen - sie posierte in der badewanne hitlers. parallel zum fotografieren war sie zum verfassen von reportagen übergegangen. erschütternder als die veröffentlichten zeitungstexte sind jedoch die posthum aufgefundenen briefe und manuskripte, so zum beispiel die beschreibung eines sterbenden säuglings: "eine stunde lang sah ich zu, wie ein baby starb. ...es war ein magerer gladiator. es keuchte und kämpfte und rang um sein leben... es entblößte seinen scharfen zahnlosen gaumen und ballte seine faust gegen die attacke des todes. dieses winzige baby kämpfte um seinen einzigen besitz, das leben ..." die englische vogue veröffentlichte solche texte nicht, man "habe aufbauende siegesstories gebraucht." auch wenn es anstrengend sein mag, es lohnt sich, anhand dieses erfreulicherweise ins deutsche übersetzten büchleins sich mit dem leben dieses außerordentlich mutigen und kreativen menschen zu beschäftigen - besonders in einer zeit, da mehr biographien von männern als von frauen existieren ...