Der Wecker klingelt. Aufstehen, schnell anziehen, eine Tasse Kaffee zum wachwerden - und dann warten. Auf den Briefträger. Der sich mal wieder richtig Zeit lässt. Die Zeit vergeht. Die Fingerspitzen trommeln auf den Tisch. Das Bein wippt nervös. Da! Im Briefkasten tut sich was. Nur Werbung. Verdammt. Wieder warten. Noch mal kurz aufs Klo. Warten. Dann klappert der Briefschlitz erneut - endlich ist sie da! Das Päckchen wird schnell aufgerissen. Mit zitternden Fingern die Folie um die CD-Hülle entfernt. Der CD-Player geöffnet, die Silberscheibe eingelegt. Viel zu langsam scheint sich der Player zu schließen. Auf Play gedrückt, die ersten Töne erklingen, es rauscht, ein Klavier setzt ein, dann ein fieses Feedback - und nach 34 Sekunden ist sie da: seine Stimme. Die wärmste Stimme des Alternative-College-Rocks ist zurück: Evan Dando.
Zehn Jahre ist es her, dass man zuletzt etwas von den Lemonheads gehört hat. "Car Button Cloth" fiel sowohl bei Kritikern als auch den Fans durch. Dandos Drogenprobleme drängten sich immer mehr in den Vordergrund. Erst 2003 ein erstes ernstzunehmendes Lebenszeichen des Posterboys der Rockmusik: Dando veröffentlicht das umjubelte Soloalbum "Baby I'm Bored", ein herrlich-abstruses Singer/Songwriter-Album. Nun hat er die E-Gitarre wieder ausgepackt, sich als Mitstreiter Karl Alvarez und Bill Stevenson von den Descendents geschnappt und es ist, als ob die Lemonheads nie weggewesen wären.
Schon nach den ersten Durchläufen stellt sich ein Gefühl ein, als sei man nach langer Zeit wieder heimgekommen. Natürlich sehen alle beteiligten Personen älter aus. Aber dieses Gefühl, das einen überkommt, ist einfach umwerfend. 35 Minuten brauchen die Lemonheads. Und dann wieder. Und wieder. Wenn dann irgendwann wieder Normalität eintritt und man das schlicht "The Lemonheads" genannte Album ohne nostalgische Einflüsse anhört, dann erkennt man doch Schwächen. Es fehlen die Überhits, die man auf dem besten Lemonheads-Album "It's A Shame About Ray" oder auch auf dem manchmal doch arg drogenumnebelten "Come On Feel The Lemonheads" noch en masse vorfand. Was Dando und Co. hier abliefern ist solide Kost. Zu keiner Minute schlecht, manchmal sogar richtig gut. Nach 30 Sekunden des Openers steigt diese totgesagte Band aus dem Grab und Dando zeigt allen Kritikern den Mittelfinger, nur um dann mit dem von Drummer Bill Stevenson geschrieben "Become the enemy" eine belanglose Rockballade abzuliefern. Das bei Dando im Oberstübchen noch immer so einiges durcheinander ist, merkt man bei "Let's just laugh": Der Song blubbert jazzig vor sich her, die Gitarrenmelodien, die es in den Vordergrund schaffen, sind aber mit das Beste auf dem Album. Der vielleicht stärkste Song stammt dann ausgerechnet nicht von Evan Dando: "No backbone" ist aus der Feder von Tom Morgan. Probleme bereiten die Balladen: So richtig mitreißen kann keine. Da scheint Dando sein Pulver vor drei Jahren auf dem Soloalbum verschossen zu haben. Hilft aber alles nichts. Die Lemonheads sind wieder da. Ich habe sie vermisst.