Richard Tauber (1891-1948) war einer der größten, der großartigsten Tenöre deutscher Sprache im 20. Jahrhundert. Seine große Tragik bestand darin, daß er wegen seiner jüdischen Herkunft gezwungen war, 1933 Deutschland und 1938 auch Österreich (nach dem Anschluß) verlassen zu müssen. Damit verlor er seine geistige Heimat. England gewährte dem Tenor Zuflucht, und das dortige Publikum brachte ihm über seinen frühen Tod hinaus Zuneigung und Verehrung in hohem Maße entgegen. Doch das alles konnte den Sänger nicht über den Verlust der Heimat hinwegtrösten.
Auf der von der EMI hier vorgelegten Doppel-CD ist ein repräsentativer Teil seines Repertoires enthalten. CD 1 bringt Opernarien, u.a. von Mozart, Verdi, Puccini, Wagner, Offenbach, Richard Strauss sowie einige Lied-Aufnahmen. Sämtliche Stücke zeugen von einer einzigartigen Gesangskultur. Besonders hervorzuheben sind die Mozart-Arien, die mit einem phänomenalen Kunstverstand und mit einer Gesangstechnik dargeboten werden, die den Ruf des Sängers als eines Mozart-Interpreten von einmaliger Kultur eindrucksvoll belegen. Tauber war sicherlich kein geborener Wagner-Tenor, aber der hier vorgelegte Ausschnitt aus den "Meistersingern" stellt manchen seiner Kollegen in den Schatten und läßt den Wunsch aufkommen, auch seine übrigen (raren) Wagner-Aufnahmen kennenzulernen. Ganz herrlich sind auch die beiden Auszüge aus Offenbachs "Hoffmanns Erzählungen" sowie die so schwierig zu gestaltende Arie des Sängers aus dem "Rosenkavalier" von Richard Strauss, die Tauber meistert wie kaum ein zweiter. Wenn man seine Interpretation der Max-Arie aus dem 1. Akt von Webers "Freischütz" aus dem Jahr 1946 hört, so kann man nicht nachvollziehen, daß in den 1950er Jahren Rudolf Schock nachgesagt wurde, seine Stimme erinnere an Richard Tauber. Für Schock sicher ein hilfreicher Werbegag und ein unverdienter Ruhm, für Tauber dagegen (fast) eine Beleidigung.
Die zweite CD umfaßt hauptsächlich Operettenlieder, vor allem von Franz Lehár, mit denen der Sänger in den "Goldenen Zwanzigern" seine großen Erfolge in Berlin und Wien feierte. Zur Abrundung gibt es noch einige populäre Stücke, wie "Wien, du Stadt meiner Träume" und "Ich küsse Ihre Hand, Madame".
Auch hier beweist Tauber, daß er ein Künstler von außergewöhnlicher Qualität war, dem es gelang, diese Schmonzetten, die an vielen Stellen gefährlich in die Nähe des Kitsch geraten (oft sogar darüber hinaus), so aufzuwerten, daß der Hörer aus dem Staunen nicht herauskommt. "Das Leichte ist oft das Schwerste": Das kann man hier wieder einmal eindrucksvoll bestätigt finden.
Die alten Aufnahmen, meist aus den 1920er Jahren, klingen erstaunlich gut, vor allem die Stimme des Tenors ist ganz natürlich und unverstellt eingefangen. Die digitale Restaurierung hat viele technische Unzulänglichkeiten zwar nicht beseitigen, aber doch beträchtlich abmildern können. Ein schön illustriertes Beiheft, allerdings nur in deutscher Sprache, rundet die Ausgabe ab.