Manchmal sind es gerade die unscheinbaren Filme, die, die nicht mit großen Namen, riesigen Budgets oder wendungsreichen Geschichten daherkommen, die einem irgendwie im Gedächtnis bleiben oder etwas in einem auslösen, was für andere nicht unbedingt nachvollziehbar ist. Genau so ein Film ist "The Ledge". Zwar tauchen hier einige bekannte Namen auf und es stand auch ein recht ansehnliches Budget von immerhin 10 Millionen Dollar zur Verfügung, aber die Eindringlichkeit, die "The Ledge" im Laufe seiner 101 Minuten entfaltet, ist rein cineastisch weder erklär- noch nachvollziehbar. Und wahrscheinlich wird es beim Ansehen dieses Films auch nicht jedem so gehen wie mir, dennoch behaupte ich, der Film ist einen Blick wert, einfach, weil dieser Thriller seinen Schwerpunkt mal nicht auf die Spannung, sondern auf seine Charaktere legt.
Detective Hollis Lucetti (Terrence Howard, "Iron Man", "Awake") erfährt, dass er zeugungsunfähig ist, was ihn zu der Frage bringt, von wem die zwei Kinder sind, als dessen Vater er sich bisher wähnte. Bevor er sich aber mit dieser Frage eingehender beschäftigen kann, muss er zu einem Einsatz. Gavin (Charlie Hunnam, "Children of Men", "Hooligans") steht auf dem Dach eines Hauses und droht, in knapp eineinhalb Stunden zu springen. Lucetti findet allerdings schnell heraus, dass Gavin dort nicht freiwillig steht. Nach und nach kann er ihm seine Geschichte entlocken, in der es um seine neue Nachbarin Shana (Liv Tyler, "Armageddon", "The Strangers") und deren bibelfesten Mann Joe (Patrick Wilson, "Insidious", "Hard Candy") geht. Ein paar falsche Entscheidungen und Fehleinschätzungen der Lage haben Gavin an den Rand des Abgrundes gebracht, obwohl er an diesem - zumindest emotional - eigentlich schon seit ein paar Jahren steht. Wird es Lucetti gelingen, Gavin lebend vom Dach des Hauses zu holen, obwohl er gedanklich mehr bei seinen eigenen Problemen ist? Oder wird Gavin springen, sei es, um Buße zu tun oder um jemand anderem damit zu helfen? Die Zeit läuft und Lucetti hat nur knapp 90 Minuten, um seinen Tag nicht noch beschissener enden zu lassen, als er angefangen hat...
Die Scheibe bietet Standardausstattung: Ton in deutsch und englisch in DD 5.1, Untertitel in deutsch, dazu Interviews mit Charlie Hunnam und Patrick Wilson, dem Regisseur und zwei Produzenten des Films. Darüber hinaus gibt es nur noch den Trailer des Films und fünf weitere Trailer. Farblich ist der Film etwas schwach auf der Brust, ansonsten gibt's am klaren Bild und gut ausgesteuertem Ton aber nichts auszusetzen.
Tja, was macht "The Ledge" denn nun so besonders? Ich weiß es auch nicht, es gelingt ihm einfach, eine sowohl düster-beklemmende als auch intensive und teilweise befreiende Atmosphäre zu erzeugen. Die Schwächen liegen klar auf der Hand, schaden dem Film seltsamerweise aber nicht. Die Story ist recht vorhersehbar und auch auf den Finaltwist kommt man recht schnell. Die Nebenhandlung um den zeugungsunfähigen Detective ist vollkommen irrelevant und kann nicht verschleiern, wie oberflächlich die Charakterzeichnung aller Beteiligten teilweise ist. Und nicht zuletzt wirken die Pro/Kontra-Gespräche über Gott und Glauben recht phrasenhaft und standardisiert. Aber irgendwie macht das alles nichts, weil "The Ledge" so wunderbar nachvollziehbar ist und ein paar emotionale Seiten in einem selbst ganz fein zum Klingen bringt, die man von so einem Film einfach nicht erwartet hätte.
Regisseur und Drehbuchautor Matthew Chapman gelingt es, ganz unterschiedliche Emotionen beim Zuschauer zu wecken. Von der Sehnsucht nach dem Gefühl des frisch Verliebtseins über die Wut, die die engstirnige Moral einiger Gottesfürchtiger erzeugt bis hin zur fühlbaren Verzweiflung ob traumatischer Schicksalsschläge oder der generellen Ausweglosigkeit der Situation und der dennoch aufkeimenden Hoffnung auf ein gutes Ende. Chapman setzt hier sehr pointiert einzelne, intensive Lichtblicke in seinem ansonsten eher düsteren Drama.
Und legt, wie gesagt, den Fokus auf die Charaktere und ihre Schicksale und nicht auf einen kontinuierlich ansteigenden Spannungspegel. Dass ihm dabei Manches etwas arg konstruiert, klischeehaft und wenig tiefgründig geraten ist, sei ihm verziehen, da sein Cast fast mühelos darüber hinwegspielen kann. Der hierzulande noch relativ unbekannte Charlie Hunnam, der ein bisschen an den jungen Brad Pitt erinnert, spielt seinen Gavin mit der richtigen Mischung aus Hoffnung, Leidenschaft und Verzweiflung und sieht nebenbei auf eine kurtcobainmäßige Art sexy aus. Liv Tyler überzeugt als unglückliche, zerrissene Seele, der das kleine bisschen Glück, welches ihr unerwartet widerfährt, unaufhaltsam wieder durch die Finger rinnt. Und auch Patrick Wilson, den ich immer etwas unheimlich und schmierig finde, kann seinem nur scheinbar gedämpft-fanatischen Joe ausreichend widerwärtige Züge verleihen, nur um diese dann überraschenderweise mit einem Hauch Verletzlichkeit zu konterkarieren, bevor er dann wieder pathologisch wird. Terrence Howard als Cop mit nicht nennenswerter Spermienproduktion liefert ebenfalls solide ab, so dass es am Cast wirklich nichts auszusetzen gibt.
"The Ledge" ist ein düsteres Thrillerdrama, dass weder zuviel Thrill noch zuviel Drama thematisiert und dafür empfängliche Zuschauer einfach damit kriegt, eine gelungene Mischung aus Gut und Böse, garniert mit einem Hauch Herzschmerz, hinzulegen. Gekonnt erzeugt Regisseur Matthew Chapman beim Zuschauer Verständnis, Wut, einen Sinn fürs Romantische, Hoffnung, Trauer, Mitleid und solide Spannung und punktet mit einem optisch ansprechenden Cast, der auch darstellerisch überzeugt. Ein kleiner, feiner Film, der für Viele wahrscheinlich nur Durchschnitt ist, von mir aber noch einen Extrastern bekommt, weil er einfach irgendetwas in mir berührt hat. Ergo vier von fünf Abgründen, in die man sich hoffentlich nie stürzen muss.