Dies ist Teil 3 der "Liga der außergewöhnlichen Gentlemen". Den meisten wird leider nur der Film etwas sagen, der vor einigen Jahren nach Motiven des ersten Teils gedreht worden ist. Allerdings haben die Comics nicht sehr viel mit dem Film zu tun. Sie haben eine andere Stimmung, und auch eine andere Geschichte. Sie sind auf eine besondere Art Kunstwerke. Ich fürchte, wer nicht zumindest einen der beiden ersten Bände kennt, wird hier überfordert sein. Zumal für einen deutschen Muttersprachler auch das Englisch nicht immer einfach ist. Ich musste mir doch deutlich häufiger als bei anderen Büchern das Lexikon zu Hilfe nehmen.
Es ist dennoch nicht so, dass ich das Buch wirklich komplett verstanden hätte. Dazu ist die Erzählung einfach zu verworren. Zu den einfachen Ereignissen gehört noch der Auftritt von James Bond zu Beginn, der sich allerdings als ein bösartiger und reaktionärer Vergewaltiger erweist. Danach geht es darum, ein Buch, das Schwarze Dossier, in Sicherheit zu bringen. Den beiden Helden der Geschichte gelingt es, das Dossier in die Hände zu bekommen, und während sie sich mit dem Buch in Sicherheit bringen, werden immer wieder Auszüge gelesen - durch die Helden in der Geschichte und auch durch den Leser in der Wirklichkeit. In den Auszügen aus dem Dossier geht es um verschiedene Helden des Empires, um die diversen Gruppen außerordentlicher Gentlemen, die es im Verlauf von Jahrhunderten gegeben hat. Deren Mitglieder nicht nur auf außergewöhnliche Technologie, sondern auch auf Magie und besondere Charakterstärke zurückgreifen konnten. Aber immer haben diese Ligen für das Britische Empire gekämpft. Obwohl, vielleicht galt der Kampf auch mehr einem besonderen England, das wunderbare Helden und Erzähler sein Eigen nennt. Denn die Feinde sind in der Regel im Dienste desselben Empires unterwegs. Der schlimmste Feind ist der in den eigenen Reihen. Am meisten dann, wenn er sich selbst als Politiker versteht. Aber auch diese haben Biographien, eine Vergangenheit, in der Leichen begraben sind. Hört sich das kompliziert an? Das hört sich nicht nur so an, das ist kompliziert.
Man muss sagen, dass hier vor allem ein unglaublich schönes Happy End erzählt wird. Denn dies ist möglicherweise sogar die abschließende Folge der "Liga der außergewöhnlichen Gentlemen". Und am Ende der zweiten Folge haben wir ja einen Bruch erlebt. Nicht nur in der Liga, sondern auch zwischen den beiden wunderbaren Figuren eines Liebespaares. Dessen Geschichte wird hier fortgesetzt, wie im letzten Band durchaus auch im Bett, mit all der sexuellen Erfüllung, die es zwischen zwei Menschen geben kann. Und obwohl alles klar zu sehen ist, ist das Buch in diesem Moment alles andere als pornografisch. Eine wunderbare Darstellung von Liebe.
Wie in den beiden ersten Bänden auch geht es neben der eigentlichen Geschichte noch um einen Ausflug durch mehrere hundert Jahre von englischer Abenteuerliteratur, die wie üblich großartig zitiert wird. Durchschaut man das alles? Ich fürchte, nicht einmal die Hälfte von allen Hinweisen erkannt zu haben. Im Zweifel sollte man hier davon ausgehen, dass jede Figur und jeder Text im Buch sich auf ein literarisches Vorbild beziehen. Wir müssen wohl erst wieder auf einen Kommentarband von Jess Nevins warten, damit wir das alles genießen können. Shakespeare, Orwell und Lovecraft in einem Buch, wo hat man das sonst schon gesehen?
Ein weiterer Punkt, der den Comic ebenfalls einzigartig macht und damit weit über die Gattung hinausgeht, ist die Darstellung der einzelnen Teile des Dossiers. Das Buch wechselt plötzlich das Format. Es wird mal zum Roman, mal sehen wir eine Bildergeschichte mit naiven, farbigen Bildern, mal gibt es plötzlich erotische, pornografische Zeichnungen in elegantem Schwarzweiss. Und dann ändert sich plötzlich auch noch das Papier. Ein Spiel mit Formen und Farben. Es geht so weit, dass dem Band sogar eine 3D-Brille beiliegt. So etwas habe ich bisher noch nie gesehen, vielleicht ist es in dieser Form noch nie gemacht worden. Gleichsam eine barocke Vielfalt von Ideen und Geschichten, die hier zu finden ist.
Die einzige, schlechte Nachricht: Ich kann mir nicht vorstellen, wie es nach dem wirklich abgefahrenen Ende noch weitere Fortsetzungen geben kann.