Liebevoll - das ist das beste Wort, was mir einfällt, um die Bearbeitung der berühmtesten Charaktäre aus der Trivialliteratur vom Ende des 19. Jahrhunderts durch die Autoren zu beschreiben. So werden in diesem Comic nicht nur die Personen aus Romanen wie 20.000 Meilen unter dem Meer, The Final Problem, Dr. Jeckyll und Mr. Hyde, Dracula in einer Geschichte zusammengeführt. Es gelingt vielmehr auch, den ohnehin schon spannenden Protagonisten neue Seiten abzugewinnen, die Personen entwickeln sich im Lauf der Handlung weiter, sie interagieren und wachsen dadurch über sich hinaus. Das Ergebnis ist wie bei einem guten Roman, man kann das Buch kaum beiseite legen, weil jede neue Seite neue Spannung verspricht.
So ist League of Extraordinary Gentlemen ein Buch, dass nicht nur von den Referenzen zu den Werken des 19. Jahrhunderts lebt, sondern eine eigene kreative Geschichte erzählt, und damit geht es auch weit über den gleichnamigen Film hinaus, der nach den Motiven des Comics gedreht worden ist, aber wohl kaum die Zustimmung der Autoren gefunden hat.
Auf den ersten Blick gewöhnungsbedürftig für einen aktuellen Comic erscheint der Stil der Zeichnungen, er wirkt antiquiert im Vergleich zu den glatten, aktuellen Superheldenstories. Die eher halbrealistischen Zeichnungen unterstützten jedoch die Atmosphäre der Handlung, und wer mehrere der Werke von Moore gelesen hat, dem wird auffallen, dass das Artwork immer dem Thema präzise angepasst ist und dass damit ein großer Teil der künstlerischen Wirkung erzielt wird. Hier sind die Bilder mehr als nur eine Illustration der Handlung.
Ein kleiner Tip noch für die Fans. Wer - wie ich - bisher kein Experte für die Literatur des ausgehenden 19. Jahrhunderts ist, wird "Heroes and Monsters" von Jess Nevins sehr hilfreich finden. Hier sind alle Referenzen und Anspielungen systematisch Bild für Bild aufgelistet und erklärt.