Natürlich kann man versuchen die wirre story um den Hauptprotagonisten Rael, der im New Yorker Untergrund versucht seinen Bruder (oder sich selbst) entgegen aller Kreaturen und Gefahren die dort auf in warten, zu retten, und sich danach aus einer anderen Perspektive diese Platte anhören, aber bringt das wirklich einen nennenswerten Mehrwert? Ich behaupte Nein.
In Wirklichkeit ist das die kurzweiligste, eingängigste und poppigste Platte die Genesis mit Gabriel je aufgenommen haben, und Sie glänzt vor allem durch den Melodienreichtum, die transparenten Arrangements und durch die Tatsache, dass es bei 23 songs nur 3 die gibt die die 6 Minuten-Grenze überschreiten (darunter auch ,In The Cage', dass eh schon ein greatest hit der Engländer ist).
Die erste Platte geht runter wie Öl und man staunt über das konzise und poppige Songwriting zu dem Sie - nach den ausufernden und durchgängig komponierten Stücken der vorangegangen Alben - plötzlich fähig waren. ,The Lamb', ,In The Cage' und vor allem das spät-beatleske ,Counting Out Time' haben zum ersten mal Mitsing-Refrains und erheben musikalisch einen weit weniger intellektuellen Anspruch als alles davor.
Seite 3 beginnt ähnlich und zitiert in ,Lillywhite Lillith', ,Broadway Meldody' wieder, so wie überhaupt das Wiederauftauchen von bestimmten Themen auf dieser Platte als Stilmittel eingesetzt wird. Danach wird es dann doch wieder proggig und die Musiker ergeben sich in ausgiebigen Instrumentalpassagen - hätte man kürzer machen können.
Auf Seite 4 aber ist man wieder im Pop-Kontext und die (eigentlich einzigen) von Gitarren getragenen songs ,In The Rapids' und ,It' bilden eine schönen Abschluss zum wohl am leichtest zu hörenden Progrock Album, das je aufgenommen wurde.
Das Gabriel selbst wohl nicht so genau wusste, wo er mit der story hinwollte, und es dann wohl auch irgendwann aufgab, und versuchte das ganze ein wenig humoristisch zu gestalten, davon zeugen auch einzelne Textpassagen. Wenn er z.Bsp. so Dinge wie
'Groucho, with his movies trailing, stands alone with his punchline failing.
Klu Klux Klan serve hot soul food and the band plays `In the Mood'',
oder etwas später
`Theres Howard Hughes in blue suede shoes, smiling at the majorettes smoking Winston Cigarettes.
and as the song and dance begins, the children play at home with needles; needles and pins...'
vom Stapel lässt, dann waren das wohl eher assoziative und dadaistische Ulkereien, als für die story Essentielles.
Wie auch immer - mit ein wenig Humor betrachtet, gewinnt diese Platte meiner Meinung nach noch mehr, als wenn man Sie - wie das unter Prog-Hörern ja leider oft der Fall ist - bierernst nimmt, oder anders gesagt: Genesis schulden hier Zappa wohl mehr, als King Crimson.
Sollte je irgendjemand auf die schwachsinnige Idee kommen aus diesem Album einen Film, eine Rockoper, oder - Gott behüte - ein Musical zu machen, dann sollte man dies genau mit viel Dadaismus und anarchistischem Humor versehen, tun, um diesem großartigen Album im Nachhinein keinen Schaden zuzufügen.
Ein Wort noch zum Klang dieses Remasters: es ist die wohl dynamischste Version aller drei bisher auf CD erschienenen, die bisher schlüssigste aber bleibt die Original Vinyl Ausgabe.