Genesis waren zu ihren Gabriel-Zeiten immer Erzähler skurriler Geschichten, doch was die Story des Innenwelt-Reisenden Rael angeht, stellten sie alles Dagewesene in den Schatten. Da liegt einfach ein Lamm mitten auf dem Broadway, was an sich schon eigenartig genug ist. Dann wird die Hauptfigur in eine Wolke eingehüllt, um kurz drauf in einer Art Kokon zu erwachen. Selbst Collins verwies darauf, dass die Geschichte allein auf Gabriels Konto ging und außer ihm niemand genauer darüber Bescheid wisse. Noch heute hat die Doppel-LP nichts von ihrem kafkaesken Alice-in-Wonderland-Charme verloren. Die Stücke gehen fließend und logisch ineinander über, so dass der Hörer den Eindruck gewinnt, selbst dem unerhörten Geschehen zwischen Traum und Wirklichkeit beizuwohnen.
Musikalisch verließen Genesis mit dieser Platte ein Stück weit die Prog-Rock Gefilde und wurden eine Ecke poppiger, was ihnen aber sehr gut stand. Was sie mit ihrer Musik bieten, sind auch für sich betrachtet starke, eingängige Songs - manche länger geraten, andere straffer. Doch keinem davon haftet der collagehafte Charakter der Frühsiebziger-Rocksuiten an, die auf Bildung-komm-raus mit den Erzeugnissen der E-Musik konkurrieren wollten. Vielleicht waren Genesis nie so konsequent sie selbst wie auf ,The Lamb'. Danach konnte eigentlich nichts mehr Größeres folgen, und Gabriel stieg aus. Mit diesem Werk hat er sich und seiner Band mit Sicherheit ein zeitloses Denkmal gesetzt, das die Jüngeren unter uns gerne wieder für sich entdecken dürfen: Genesis waren wirklich mal gut und interessant, musikalisch niveauvoll und spannend!
Da es sich um einen Song-Zyklus handelt, gibt es auch echte Treffer, richtige Hits: ,Carpet Crawl' kennt jeder, aber auch der Titelsong am Anfang ist erste Sahne, und nicht zu vergessen: ,Counting Out Time'. Der Rest ist erstklassig gespielte und gesungene Musik mit ausgeklügelter Dramatik für Hörer mit langem Atem. Denn es macht keinen Sinn, nur einzelne Tracks herauszupicken. Die eigentliche Qualität entfaltet das Lamm auf dem Broadway, wenn es in einem Stück genossen wird.
Für mich einer der unangefochtenen Klassiker der Rockgeschichte!