Kaum zu glauben: Eine KINKS-Biografie in deutscher Sprache!
Damit war nicht unbedingt zu rechnen,denn selbst bei wohlwollender Markteinschätzung kann wohl bestenfalls eine schwarze Null als Geschäftsergebnis erwartet werden.Um so höher ist der Mut zur Veröffentlichung zu loben!
Anders als bei den meisten bisher erschienenen Büchern über die KINKS (in englischer Sprache)erhält der Leser hier ein hochwertig gebundenes Buch,mit Druck auf ebenfalls hochwertigem Papier,einem ansprechenden Layout und sehr guter Bild-Reproduktion.
Der Schreibstil des Autors ist klar,gut verständlich und deshalb unangestrengt zu lesen.Weder sind mir Druck- oder inhaltliche Fehler aufgefallen.
Der Autor beschreibt chronologisch die wechselhafte Karriere der KINKS und kann dabei auf eine erstaunliche Fülle von diversen,teils widersprüchlichen Presseartikeln und Kritiken zurückgreifen.Er zeichnet dadurch ein wohl realistisches zeitgenössisches Bild, wie die KINKS im Lauf der Zeiten durchaus unterschiedlich wahrgenommen und ebenso gewichtet wurden.Ein Einblick in die hochkomplizierten,ausbeuterischen Vertragsverhältnisse wird gewährt sowie in die teils chaotische Gruppendynamik der Band.Wertvoll ist,daß der Autor auf die Lyrik und Konzepte Ray Davies`eingeht,sie erklärt und Zusammenhänge herstellt.
Natürlich hätte bei dem Output eines Ray Davies dieser Schwerpunkt noch vertieft werden können.
Die Bilder bestehen ausschließlich aus Repros von Presseartikeln,Werbematerial und Plattencovern,wahrscheinlich aus dem Fundus des Autors.Die Reproduktion der Presseartikel ist so gut,daß das Kleingedruckte lesbar bleibt und der Schreibstil der Sechziger doch für manches Schmunzeln sorgt!
Eine recht umfangreiche Diskografie,wenn auch nicht vollständig, sowie eine Charts-Übersicht runden das ganze ab.
Allerdings ist das Buch mit teils ganzseitigen Illustrationen überfrachtet,die zwar künstlerisch ok sind und thematisch nah beim Text
liegen,trotzdem teilweise als Fremdkörper wirken,da der Künstler die KINKS nicht erkennbar zeichnen oder karikieren konnte,sollte,wollte oder durfte!
Ein Mehr an Doku-Material wäre sinnvoller gewesen.
Leider nutzt der Autor nicht "die Gnade der späten Veröffentlichung" gegenüber englischsprachigen Publikationen.In Windeseile wird ab den neunziger Jahren das Buch abgewickelt.Stichpunktartig wird einiges über Ray Davies mitgeteilt.Sein Bruder Dave,immerhin formal Gründer der KINKS und eine treibende Kraft im Hintergrund des übermächtigen Ray,wird vollkommen ignoriert! An sich unverzeihlich!!! Dazu unverständlich,da der Autor ein,wenn auch zu harscher Kritik fähiger,KINKS-Fan zu sein scheint!
Die KINKS wurden immer und ausschließlich von den Gebrüdern Davies geprägt.Das Interesse eines KINKS-Fans an beiden Protagonisten endet nicht,wenn die Band ihre produktive Phase einstellt!
Vieles ist über Dave Davies zu berichten:über seine Sicht von Spiritualität,seine Malerei und nicht zuletzt über sein mit besten Kritiken ausgezeichnetes letztes Album,leider auch über seine angeschlagene Gesundheit!
Ray Davies`erstes Solo-Album wird nicht besprochen,obwohl schon im Februar 2006 erschienen.Die Deadline des Buches kann nicht so früh gewesen sein, um bei Erscheinen im August 2006 nicht all das noch dokumentieren zu können.Die Chance zur Aktualität und Vollständigkeit der Chronologie wurde somit unprofessionell vertan. Schade!
Fazit: All jenen Fans, die es mit ihrem Realschulenglisch gescheut haben, sich durch die englischsprachige KINKS-Literatur zu arbeiten, ist dieses Buch zu empfehlen.Trotz der angesprochenen Mängel bietet es einen guten Überblick über die Ära ihrer Helden.Der Autor ist beileibe kein Jubel-Fan und ist zur kritischen Würdigung der KINKS befähigt,im Gegensatz zu manchem professionellen Musikjournalisten!
Wenn dadurch aber der Appetit auf mehr Fakten und Persönliches über die KINKS geweckt wurde ist es ein Verdienst dieses Buches und man kann bei amazon.uk fündig werden.
Absolut empfehlenswert sind die autobiografischen Bücher der Davies-Brüder sowie die Veröffentlichungen von Doug Hinman sowie Neville Marten/Jeffrey Hudson.