Die Allgoods sind eine ganz normale amerikanische Familie. Nic ist erfolgreich als Chirurg/Frauenarzt, Jules ist in ihrer Rolle als Hausfrau unterfordert und strebt eine Neuausrichtung als Landschaftsarchitektin an, der 15-jährige Laser und die 18-jährige Joni gehen durch die ganz normale Pubertätshölle, und ihre Eltern mit ihnen. Der Familie geht es gut, das Eigenheim ist schick, und wenn Jules sich für ihren künftigen Job einen Pick-Up leistet, hat Nic kein Problem mit der finanziellen Ausgabe an sich, sondern eher damit, dass die Partnerin mal wieder unabgesprochen einen beruflichen Selbstfindungstrip startet.
Das einzige, was aus dem Rahmen fällt, ist, dass Jules und Nic Frauen sind, und beide jeweils eines der Kinder unter freundlicher Mitwirkung eines anonymen Samenspenders zur Welt gebracht haben. Und da Laser und Joni ihrem unbekannten Vater gern ein Gesicht zuordnen würden, und dieses Gesicht zu dem Öko-Unternehmer Paul - Mitte 40, Single, aber nicht sexlos, Motorradfahrer, kurz: ein Mann durch und durch - gehört, nimmt das Unglück seinen Lauf. Ohne ins Detail gehen zu wollen: Paul bringt die Familie ordentlich durcheinander, und bis zum (fragwürdigen) Happy-End stehen allen Beteiligten einige schmerzhafte Erkenntnisse über sich selbst und über ihr Verständnis der Institution "Familie" bevor.
Ebenso wenig, wie "Brokeback Mountain" nur ein Film über "schwule Cowboys" ist, ist "The Kids are All Right" nur ein Film über eine lesbische Beziehung. Der Film vermeidet klug eine Anhäufung von Stereotypen. Nic und Jules führen ein Leben wie jedes Hetero-Paar auch. Der eine Partner ist beruflich deutlich erfolgreicher als der andere, der sich wiederum etwas mehr Anerkennung wünscht. Eines der Kinder steht kurz davor, aus dem Haus zu gehen, was die leibliche Mutter ein wenig aus der Bahn zu werfen droht, aber was man mit exzessiven Rotweingenuss gut kompensieren kann. Der Sohn umgibt sich mit einem fragwürdigen besten Freund, den die Eltern nicht leiden können, aber man will ja auch kein Spielverderber sein, man ist ja schließlich liberal. Aber so liberal dann doch wieder nicht, dass man die beruflichen Ambitionen des Partners fördern würde, ein Mann im Haus reicht. Und was den ehelichen Sex betrifft... naja, es gab offensichtlich schon mal bessere Tage....
So weit so normal. Auftritt: der leibliche Vater. Und plötzlich entladen sich all die subilen, mühsam kaschierten Spannungen, die zuvor sehr fein herausgearbeitet wurden, und der familiäre Zusammenhalt wird einigen heftigen Herausforderungen unterworfen. Meiner Meinung nach zeigt sich hier, wie gut der Film eigentlich ist. Man hätte nun eine platte Slapstick-Komödie erwarten können. Man hätte Paul als egomanischen Unsympathen darstellen können, auf den die Kinder nicht nachvollziehbarer Weise hereinfallen und zur Abnabelung vom Elternhaus nutzen. Aber nichts von alledem. Der Oscar-nominierte Mark Ruffalo spielt Paul als etwas ziellosen aber nicht unsympathischen Zeitgenossen, für den Familie bislang nicht zur Lebensplanung gehörte, aber der nun plötzlich, mit seinen beiden leiblichen Kindern konfrontiert, mächtig ins Grübeln kommt. Klar, dass das zum großen Knall mit der toughen Nic (großartig gespielt von der ebenfalls Oscar-nominierten Annette Bening) führt, die den Eindringling in ihre Muster-Familie mit Argus-Augen betrachtet. Umso mehr, als Jules (die nicht minder großartige Julianne Moore) ihren ersten Auftrag ausgerechnet von Paul bekommt.
The Kids are All Right brilliert durch ein Schauspieler-Ensemble, das genau die richtigen Töne trifft. Man nimmt jeder einzelnen Figur ihre Seelennöte ab. Der Film verzichtet auf jede überflüssige Schwarz-Weiß-Malerei, sondern entwirft plausible Figuren ohne Perfektionsanspruch, die sich selbst mehr als einmal selbst im Weg stehen. Das präzise (Oscar-nominierte) Drehbuch von Regisseurin Lisa Cholodenko und Stuart Blumberg nimmt seine Figuren ernst, ohne sich auf eine Seite zu stellen oder zu urteilen. The Kids are All Right ist eine leise Familienkomödie (Komödie ist vielleicht der falsche Begriff, aber eine Tragödie ist der Film auch nicht...) über eine Familie, bei der die Eltern zufällig aus zwei Müttern bestehen. Wenn die Figuren am Ende des Films ihr Leben weiterleben, möchte man ihnen allen alles Gute wünschen. Es war schön, 100 Minuten an ihrem Leben teilzuhaben.....