Herbert George Wells' "The Island of Dr. Moreau" ist ein echter Genreklassiker im Bereich der Spannungsliteratur. Das soll jedoch nicht bedeuten, dass sich "Moreau" auf bloße Spannungseffekte und Elemente des Morbiden reduzieren lässt - gleichwohl dies Ende 1897 durchaus der Fall war.
Doch "Moreau" erfüllt höchste literarische Ansprüche, denn neben der fesselnden Erzählweise ist die Geschichte vor allem ein wahres intertextuelles Sammelsurium, von Shakespeares "Sturm" über Kiplings Dschungelbuch bis hin zu Defoes "Robin Crusoe".
Edward Prendicks Schiffbruch führt ihn auf eine Insel voller schrecklicher Kreaturen, auf der Dr. Moreau - einst umstrittener Tierforscher in England - sein Unwesen treibt. Sein stets allen Fragen ausweichender Gehilfe Montgomery und das merkwürdige Wesen M'ling komplettieren die unheimliche Troika. Prendick wird es noch mit der nackten Angst zu tun kriegen, als Experimente auf verhängnisvolle Weise scheitern.
Neben dieser spannungsgeladenen Handlung lässt der Text noch tiefer blicken, sehr tief, denn er offenbart ein relativ pessimistisches Menschenbild, indem die Degeneration - also die umgekehrte Evolution - per se in jedem Menschen vonstatten gehen kann. Jeder Mensch kann zu jeder Zeit seine Kultur niederreißen und zur wilden Bestie werden.
Wells' Text entstammt dem Fin de Siècle, einer Zeit gróßer kultureller Ängste, die einerseits wilden Degenerationsphantasien Vorschub leistete, aber auch Texte beisteuerte, die starke moralische Kritik am Zeitgeist aufkommen ließen. Das Menschenbild von Wells ist durchaus ethisch geprägt, ist sehr bescheiden und auf seine Moralvorstellungen reduziert, welche ihn alleinig vom Tierischen unterscheiden. Der Lauf der Weltgeschichte gibt Wells Recht. Ein wahrer Klassiker. Absolut lesenswert.