Christopher Chabris und Daniel Simons beschreiben in ihrem Buch sechs verschiedene Selbst- und Fremd-Einschätzungs-bezogene Phänomene, die sie als "everyday illusions" bezeichnen:
1. "Illusion of attention": Unserer Aufmerksamkeit entgeht oft viel mehr, als wir es erwarten würden.
2. "Illusion of memory": Unsere Erinnerung ist oft viel unzuverlässiger und unzutreffender, als wir es erwarten würden.
3. "Illusion of confidence": Aus selbstsicherem Auftreten leiten wir in höherem Maße Vertrauenswürdigkeit und Zuverlässigkeit ab, als und das bewusst ist, und als das gerechtfertigt ist.
4. "Illusion of knowledge": Menschen neigen dazu, ihr eigenes Wissen zu überschätzen. So glauben gemäß Studien viele, sie wüssten, wie etwas (Gerät, Einrichtung) funktioniert, obwohl sich das Wissen häufig auf das korrekte Verwenden einer Sache beschränkt, ohne dass Details zur zugrundeliegenden Funktionsweise dieser Sache bekannt sind.
5. "Illusion of cause": In kognitiven Leistungen spielt Mustererkennung häufig eine wichtige Rolle, z.B. bei der beim Menschen durchaus bemerkenswerten Fähigkeit des Erkennens von Gesichtern. Es kommt allerdings häufig vor, dass Muster unzutreffenderweise erkannt werden. Das trifft auch auf die Gesichtserkennung zu: Jeder kennt die Bilder von verbrannten Toastscheiben, Planetenoberflächen, usw., auf welchen vermeintlich ein Gesicht zu erkennen ist. Analog gilt das für Ursache-Wirkungs-Muster: Häufig kommt es vor, dass ein Phänomen vermeintlich als die Ursache eines anderen Phänomens erkannt wird, obwohl ein solcher Zusammenhang gar nicht tatsächlich besteht. Dies passiert gerade auch in der boulevard-tauglichen Interpretation wissenschaftlicher Studien sehr häufig. Etwa in Form einer Schlagzeile "Sex hält jung", basierend auf einem Studienergebnis, aus dem ein Zusammenhang - genauer: eine "positive Korrelation" - zwischen der Häufigkeit von Sex und jungem Aussehen ablesbar ist. Eine positive Korrelation alleine sagt jedoch nichts über Ursache und Wirkung aus. Es gibt unzählige Erklärungsmöglichkeiten: Es könnte größere Sportlichkeit sein, die sowohl jüngeres Aussehen als auch mehr Sex zur Folge hat, es könnte jüngeres Aussehen aufgrund höherer Attraktivität zu mehr Sex führen, usw.
6. "Illusion of potential": Die Überzeugung, dass bei einem selbst ein großes ungenutztes Potential besteht, das mit Tricks und Kniffs aktivierbar wäre, ist weit verbreitet. Unter anderem in Form des "10% Mythos", der besagt, dass der durchschnittliche Mensch nur 10 Prozent seines Gehirns nutzen würde. Die Autoren präsentieren Ergebnisse zahlreicher Untersuchungen, die der Frage auf den Grund gehen, ob und in welchem Umfang tatsächlich eine "Aktivierung von Potential" möglich ist, z.B. durch das Spielen von Videospielen, von welchen die Werbung behauptet, mit diesen könnten auf spielerische Weise die Gehirnleistung und Intelligenz gesteigert werden. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen sprechen eine klare Sprache: Das große ungenutzte Potential, das sich ganz ohne Anstrengungen aktivieren ließe, gibt es nicht.
Die Autoren sind Professoren an renommierten Universitäten und Träger des Psychologie-Nobelpreises, den sie für ihre Erkenntnisse zur "illusion of attention" verliehen bekommen haben. Es ist ihnen gelungen, die Ergebnisse ihrer Forschungstätigkeit auf eine spannende, unterhaltsame und flüssig zu lesende Art zu präsentieren, ohne dass darunter die wissenschaftliche Genauigkeit leiden würde. Sämtliche der "everyday illusions" werden mit einzelnen illustrierenden, oft weithin bekannten Beispielen, als auch mit zahlreichen Ergebnissen von Studien und Untersuchungen aufbereitet.
Ist mir an dem Buch auch etwas negativ aufgefallen? Nicht in dem Sinn, dass das Lesevergnügen ernsthaft getrübt wäre. Am ehesten sticht noch ins Auge, dass der Abschnitt über "illusion of potential" weniger stringent erscheint als der Rest des Buches. Unter anderem wird darin eine Unterscheidung zwischen "narrow transfer" (Übertragung erworbener Fähigkeiten auf Tätigkeiten, die den trainierten Tätigkeiten sehr ähnlich sind) und "broad transfer" (Übertragung auf nicht in einem unmittelbaren Zusammenhang stehende Tätigkeiten) getroffen. Diese Unterscheidung und die getroffenen Zuordnungen zu diesen beiden Kategorien erscheinen jedenfalls im Buch recht willkürlich und nicht sehr wissenschaftlich.
Ein besonderer Reiz des Buches liegt darin, dass man als Leser ganz unwillkürlich zu hinterfragen beginnt, inwieweit die erörterten und empirisch untermauerten "everyday illusions" im eigenen Lebensumfeld eine Rolle spielen, welche Konsequenzen aus ihnen folgen, und wie auf sie reagiert werden sollte. Als sehr nützlich erweist sich dabei, dass die Autoren im Buch selbst aufzählen, wie ihrer Meinung nach mit den "everyday illusions" umgegangen werden könnte bzw. sollte.