"The Invisible Art" widmet sich, der Titel sagt es, einer Kunst, die in dem Moment zur vollen Blüte gelangt, in dem der Betrachter das vom Künstlerhand Erschaffene nicht als solches erkennt. Klartext: Die Gemälde, denen "The Invisible Art" die Reverenz erweist, sind photorealistische Gebrauchskunst, die nur zu dem Zweck erschaffen wurde, das Auge des Betrachters zu täuschen. In der Architektur kennt man solche Bilder unter dem Begriff Trompe-l'½il (Tipp: auch eine kurze Nutzung der Google-Bildsuche fördert bereits bestechende Beispiele zu Tage), in der Welt des Films wird die Illusionsmalerei für gewöhnlich als "matte painting" bezeichnet. Die Namen der führenden Vertreter dieser Kunst werden Ihnen, lieber Leser, wahrscheinlich nichts sagen; ihre Werke werden Sie aber mit Sicherheit schon gesehen haben - allerdings werden Sie die Bilder von Peter und Harrison Ellenshaw, Michael Pangrazio und ihren zahlreichen Kollegen nicht als das erkannt haben, was sie sind: Farbe auf einer Glasplatte bzw. eine Ansammlung bunter Pixel.
Vermutlich haben Sie vielmehr gedacht, bei der Hafenansicht aus Vögelperspektive (pun intended) in Hitchcocks "Die Vögel" habe es sich um eine Luftaufnahme gehandelt. Das Haus des schurkischen Philip Vandamm in "Der unsichtbare Dritte" haben Sie für ein Bauwerk von Frank Lloyd Wright gehalten, und den alten Friedhof in "Poltergeist" für einen verwunschenen Ort irgendwo im Simi Valley, das als Drehort für die Außenaufnahmen diente. Wie zahllose andere Orte sind auch diese drei "Locations" Produkte der Phantasie - mit geübtem Pinselstrich auf eine Glasplatte aufgebracht, die, im richtigen Winkel vor der Filmkamera platziert, aus abgeernteten Feldern, öden Parkplätzen und anderen Drehorten mythische Plätze macht.
"The Invisible Art" setzt den Großen dieser Kunst ein würdiges Denkmal - mit einem fundierten Text, der sich eingehend mit der Entstehung der Tricktechnik "matte painting" und deren Funktionsweise auseinandersetzt, und, natürlich, mit den dazugehörigen Bildern. Zahlreiche, teils ganz- und auch mehrseitige Abbildungen ergänzen und illustrieren den Text; die Bandbreite ist enorm - "The Invisible Art" schlägt gekonnt den Bogen von Beispielen aus den Frühtagen des Films (der Schutzumschlag zeigt übrigens ein Motiv aus Orson Welles' legendärem, stilbildendem Film "Citizen Kane") zu solchen aus der jüngeren Vergangenheit.
Gleich zu Beginn des Buchs, unmittelbar auf den Schmutztitel folgend, findet sich eine Seite mit Stanzung, die das Ebenen-Prinzip der filmischen Illusionsmalerei sehr anschaulich, weil unmittelbar erfahrbar macht: Was auf den ersten Blick wie ein durchgehendes Motiv wirkt, entpuppt sich im Umblättern als Kombination aus Szenerie-Foto und photorealistischem Gemälde - ein überaus passender Gag, der das Sujet treffend einleitet und den Leser auf ein Buch einstimmt, das inhaltlich wie gestalterisch überaus ansprechend ist. Als kleinen Bonus gibt's dann noch eine CD-ROM, die in einer kleinen Tasche auf der letzten Seite des Hardcover-Bandes Platz gefunden hat - vom Inhalt sollte man sich freilich nicht zuviel erwarten, denn die technische Umsetzung des Inhalts war, das ist jedenfalls mein Eindruck, schon zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung nicht gerade state-of-the-art. Wer die Dreingabe als Ausdruck des um die Jahrtausendwende aufblühenden Bemühens darum sieht, traditionelle Medien um eine multimediale Komponente zu erweitern, wird die Silberscheibe mit realistischen Erwartungen dem Lesegerät an PC oder Mac überantworten.
R e s ü m e e
"The Invisible Art" ist ein kompetent verfasster, reich illustrierter und überaus schön aufgemachter Band, welcher der filmischen Illusionsmalerei und ihren führenden Vertretern ein würdiges Denkmal setzt. Wer sich für das Thema interessiert, dem kann ich "The Invisible Art" deshalb wärmstens empfehlen - für den interessierten Laien ist das Buch sicher ebenso interessant wie für Berufskollegen der im Band durch ihre Arbeiten vertretenen Künstler. Anders gesagt: "The Invisible Art" ist, obgleich einem sehr speziellen Thema gewidmet, noch immer eher ein Sach- als ein Fachbuch und wendet sich als solches an ein vergleichsweise sehr breites Publikum.