I. Versuch einer Nacherzählung, mit vielen weißen Stellen. Ein 70-jähriger, sportlicher Mann wohnt in einer Hütte im Wald. Er fährt Rennrad, ist naturverbunden genug, um unbekleidet mit seinen beiden Hunden unter Bäumen auszuruhen. Betritt jemand nächtens sein Grundstück, schneidet er ihm die Kehle durch. Er hat eine Affäre mit einer strengen Apothekerin aus dem Dorf, die Leberflecke auf ihrem Gesicht züchtet. Als eine Hundepensionsbesitzerin seine Tiere nicht annehmen will, setzt er sie aus und begibt sich auf eine wichtige Reise. Er hebt sehr viel Geld ab, bekommt ein neues Herz, das er sich illegal von einer Russin hat besorgen lassen. Dieser Mann mit unklarer Vergangenheit spricht ihre Sprache fließend. Er hat einen Sohn, der mit einer Grenzbeamtin zwei Kinder hat. Dieser Sohn bedeutet ihm wenig. Der alte Mann fährt nach Südkorea und erledigt einen Deal, vermutlich kauft er ein Schiff. Er wird von der Russin verfolgt, die auch in Korea weilt. Es ist die Freundin des Mannes, den er ermordet hat auf seinem Grundstück, das weiß der Alte aber nicht (hätte es aber ahnen können). Im letzten Akt fährt unser Herzpatient nach Tahiti und sucht seinen zweiten Sohn, den er nie gesehen hat. Diese Suche ist ihm wichtiger als alles andere, sein Herz hängt daran. Vor etwa vierzig oder dreißig Jahren war er schon einmal hier (und der Schauspieler Michel Subor ebenfalls). Nun lässt er sich mit Hilfe eines Einheimischen, den er von damals kennt, auf einer winzigen Insel nieder. Währenddessen suchen die Bewohner einen jungen Mann, welcher der Sohn des weißen Mannes zumindest physiognomisch sein könnte. Der alte Mann kommt ins Krankenhaus. Er erkennt, dass sein unbekannter Sohn tot sein muss, das Double überzeugt ihn nicht. Später erfährt er, dass auch sein anderer Sohn, jener, der mit der Grenzbeamtin liiert ist, nicht mehr lebt. Schlimmer noch: Das Herz des "französischen" Sohnes wurde dem Vater eingepflanzt. Die Leiche des Sohnes ist irgendwie nach Tahiti gekommen. Die Rache der Russin, die sich den kostspieligen Flug nach Südkorea locker leisten kann, hat auch genug Moneten, um Leichen rund um die Welt zu schicken. Der alte Mann fährt zurück, zusammen mit den Überresten. Am Schluss sieht man wieder die Hundepensionsbesitzerin auf einem Schlitten, der von mopsfidelen Kötern gezogen wird. Die Frau grinst wie eine Hexe. Sie wird von Beatrice Dalle verkörpert, die einen sehr breiten Mund hat.
II. Von vorne das Ganze. Zweiter Take. Ein ehemaliger, polyglotter und nicht ganz koscherer Geschäftsmann, vermutlich sogar ein Ex-Agent, der sich an der Grenze zur Schweiz zur Ruhe gesetzt hat, wird von heftigen Herzattacken geplagt. Weil er nicht auf ein Spenderorgan warten will, engagiert er eine Russin, die ihm ein Herz besorgt, nichts ahnend, dass sie von der Ermordung ihres Gefährten durch den Ex-Agenten weiß. Der Kontakt zu seinem Sohn, ein liebender Familienvater, ist lose und durch Gleichgültigkeit geprägt. Der Sohn hat eine attraktive Frau, sie arbeitet als Grenzerin, und zwei Babys - ein intaktes Familienleben, wenngleich finanziell auf Kante genäht. Der alte Mann lässt sich in Südkorea durch eine Heilerin postoperativ kurieren, kauft vermutlich ein Schiff und begibt sich nach Tahiti. Dort vermutet er in jedem 40-jährigen seinen zweiten Sohn, der ihm plötzlich ganz furchtbar viel bedeutet, obwohl er ihn nie gesehen hat. Warum es ihn damals hierher verschlagen hat: Wir wissen es nicht. Vermutlich geheim. Der unbekannte Sohn arbeitet, sagt die Mutter, die von dem Alten nichts wissen will, aber eher scheint dieser Sohn tot zu sein, denn für wen wird sonst das Grab ausgehoben? Die Einwohner casten einen Ersatz-Sohn, der sich als unglaubwürdig heraus stellt. Der Ex-Agent liegt im Krankenhaus, weil er seine Medikamente nicht eingenommen hat. Er hat einen traurig dreinblickenden alten Kameraden auf der Insel, der mehr über ihn weiß als jeder andere, den Zuschauer eingeschlossen. Schließlich muss der herzoperierte Kampf-Rentner erkennen, dass die Russin ihn gelinkt hat, auf die denkbar schwerwiegendste Weise: In ihm schlägt das Herz des ungeliebten Sohnes. Sonderlich schockiert ist unsere Hauptfigur dadurch aber nicht. Das Leben geht weiter, und an der Grenze zur Schweiz liegt reichlich Schnee, in dem sich eine geheimnisvolle Frau mit Hundetick und Schlitten offensichtlich sehr wohl fühlt. Während der alte Herr auf Reisen war, hat eine junge Frau mit zwei Hunden seine Hütte bewohnt und dort gebadet.
III. Ein letztes Ansetzen zur Nacherzählung. Zwei weiße Hunde leben mit einem weißhaarigen Mann im Wald, sollen in eine Hundepension kommen, aber die Hundepensionsbesitzerin will mit den Hunden nichts zu tun haben, weil sie mit dem Herrchen nichts zu tun haben will, also setzt der nicht zimperliche Russenfranzose die Hunde aus, die später einer jungen Wanderin gehören, die sich in der Hütte des längere Zeit abwesenden Mannes einnistet, während dieser nach einer Herz-Operation in Südkorea am Genesen ist, eine große Transaktion am Hafen durchzieht und nach Tahiti fährt, um seinen unbekannten zweiten Sohn kennen zu lernen, den er aber nie erblicken wird, dafür aber stirbt sein erster Sohn, weil eine Russin... Na gut, es reicht jetzt. Nun habe ich den Plot drei Mal erzählt, beim dritten Mal etwas fahrlässig. Haben Sie die Geschichte halbwegs verstanden? Ja? Dann willkommen im Club. Denn der Film ist bei weitem nicht so kompliziert, wie das allerorten behauptet wird. Es wird nur gänzlich anders erzählt als das gewöhnlich geschieht. Man muss sich vieles dazu denken. Was im gängigen Arthouse-Kino in die Exposition gehört, bleibt im Dunkeln, ist bestenfalls erahnbar. Schauplatzwechsel muss man hinnehmen, Schiffstaufen ebenso. Die Motivation der Figur wird bestenfalls skizziert. Erklärende Dialoge sind selten. Andauernd kommen Hunde ins Bild, zumeist paarweise. Wir sehen das heraus gerissene Herz des ungeliebten Sohnes im Schnee. Warum im Schnee? Wir sehen, wir der alte Mann von Russen zu Pferde gequält wird bis aufs Blut. Ein Traum? Wir sehen einen Säugling, der im Babytuch aufwacht, zu seinem durchs Feld laufenden Vater hochblickt und lächelt, wie es nur sehr kleine Menschen können. Eine wunderbare Szene. Wir sehen Beatrice Dalle, die verschmitzt und dabei unangestrengt geheimnisvoll gucken kann. Wir sehen türkisfarbenes Wasser. Wir sehen Fragmente eines sehr alten Films, der nie fertig gestellt wurde, mit einem jungen Michel Subor. Wir sehen einen kaltherzigen Mann, der merkwürdige Dinge tut. Und vor allem sehen wir Hunde, Hunde, Hunde.
IV. "Ich habe Michel einmal erklärt, dass die Südsee für die Menschen der nördlichen Halbkugel der Ort für eine Wiedergeburt ist, der Ort, an dem man nach einem gescheiterten Leben neu anfangen kann. (...) Ich sagte mir, dass dieser Film sehr schwierig und die Arbeit daran eine Art Prüfung sein würde." (Claire Denis)
V. "Ich habe vor bald zehn Jahren das Herz eines anderen erhalten. Man hat es mir eingepflanzt. Mein eigenes Herz war unbrauchbar geworden, aus einem Grund, der nie geklärt wurde. Um leben zu können, musste ich das Herz eines anderen erhalten. Welch seltsames und fremdes Selbst!" (Jean-Luc Nancy)
VI. "Trebors Eskapismus führt ihn geradewegs in eine Intensivstation. Da sein Gesundheitszustand prekär ist, entschließt sich ein alter tahitischer Freund, den herbeigesehnten, aber nicht auffindbaren Sohn unter den jungen Männern des Dorfes einfach auszuwählen. Die Inspektion der Körper nach Hautfarbe, Statur und Augenform durch die Auswahlkommission (...) erscheint wie eine Suche nach einem passenden Organspender und lässt zugleich keinerlei Spielraum für Romantisierungen des Fremden. Der eine Bewerber 'looks chinese', der andere ist der Kommission zu schwarz, der nächste wiederum sieht zwar irgendwie weiß aus, ist aber zu klein. Koloniale und rassische Körpercodes sind auch hier unzweideutig Teil der Kultur - Reinheit und Ursprünglichkeit ein schieres Phantasma." (Kathrin Peters)
VII. "In other words, the manner with which 'The Intruder' works is to accumulate possible plots as it goes. Only a few ar actually explored - and the richness may make some viewers uneasy. But the openness is also a tribute to the poetry of the world. If it had just a touch of humor this might be a masterpiece." (David Thomson)
VIII. Das als "philosophische Novelle" bekannt gewordene schmale Büchlein "Der Eindringling" von Jean-Luc Nancy hat wenig bis nichts mit diesem Film zu tun, und doch behauptet Denis standhaft, dass der Film dem Buch minutiös folgen würde, jedoch keine Adaption, wohl eher eine Adoption sei. In Nancys Buch kommen Hunde übrigens nicht vor. "Dogs are guarding the territories, they were gods", später sagt Denis noch: "...to protect humans." In einem Video-Essay zum Film im Rahmen einer Denis-Retrospektive heißt es: "Words fail, body fails." Dabei ist der Körper der Hauptfigur recht robust. Vielleicht sind die Herzschmerzen Symptom einer Charakterschwäche? Denis vermeidet es, ihm soziale, wärmende Eigenschaften zuzugestehen. Einen Kaffee trinken möchte man nicht mit so einem. Er hat Geheimnisse, aber die will man gar nicht unbedingt kennen. Als Vater hat er versagt, aber als Liebhaber taugt er wohl noch was. Er führt sich auf wie ein Mann von Welt. Er kann einen Anzug tragen. Nackig wirkt er immer noch elegant. Aber er ist unfreundlich, lauernd.
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