Marty Olsen Laney: The Introvert Advantage, Kindle version, copyright 2002
Sie haben eigentlich gar keine Lust, zu der Party zu gehen, fühlen sich in dem Menschengewühle, Redegewirr und Musikgetöse überwältigt und sind froh, bald wieder gehen zu können ?
Dabei treffen Sie doch eigentlich gerne Freunde und Bekannte, bevorzugen aber eine ruhigere und persönlichere Atmosphäre, etwa beim Essen oder bei einem Bier/Wein zu zweit oder in kleiner Runde ? Auch ist ihnen ein intensives Gespräch viel lieber als Party-Smalltalk ?
Sie wundern sich, daß beim Meeting nur wieder die "Brüllaffen mit Ihren profilneurotischen Egotrips" (so vielleicht Ihr empörter aber natürlich nicht fairer Gedanke) zu Wort gekommen sind, während Ihre Beiträge schon im Keim erstickt oder schnell wieder abhanden gekommen sind ? Außerdem sind Ihnen die passenden Antworten ohnehin erst später eingefallen ?
Wenn Sie abends nach der Arbeit zu Hause sind, dann möchten Sie nur noch Ihre Ruhe haben und gehen vielleicht auch lieber früh ins Bett, weil sie erschöpft sind ?
...
Und dabei haben Sie immer das Gefühl, daß mit ihnen etwas nicht stimmt, sie im Abseits stehen und beneiden insgeheim die Leute, die mit ihrem "Charisma" in jedem Meeting , bei jeder Party im Vordergrund stehen, immer etwas zu sagen haben, immer gehört werden und abends schon wieder unternehmungslustig los ziehen, während Sie nur noch erschöpft in der Sicherheit Ihrer 4 Wände Kraft schöpfen wollen ?
...
Nun, womöglich sind Sie ein introvertierter Mensch und dann geht es um Sie in diesem Buch.
In Persönlichkeitsprofilen wie dem Myers-Briggs (hierzulande von Gunter Dueck viel beschrieben, allerdings mit anderen Schwerpunkten:
Wild Duck: Empirische Philosophie der Mensch-Computer-Vernetzung) hat das Profil auf der Introvertiertheit-Extrovertiertheits-Skala eine zentrale Bedeutung, nach Meinung der Autorin sogar die statistisch gültigste.
Die Introvertierten ("Innies") sind in der Minderheit und das gesellschaftliche Ideal ist es eindeutig, möglichst extrovertiert (ein "Outies") zu sein.
Das kann man bei bei gesellschaftlichen Anlässen ebenso beobachten wie bei den Auswahlverfahren der Unternehmen für Neueinstellungen und noch viel mehr zum "Identifizieren" der Mitarbeiter mit den geeigneteren Aufstiegschancen, man sieht es auch an unseren Erziehungsidealen.
Das führt bei den Innies zu vielfältigen Frustrationen und dem Gefühl, nicht "richtig" zu sein. Und zu viel Verständnislosigkeit auf seiten der Outies im Umgang mit Innies.
Die (US-amerikanische) Autorin meint, es handle sich um ein Phänomen speziell in der Konkurrenz-fokussierten US-amerikanischen Gesellschaft. Viele Details aus diesem Buch (zum Beispiel zum Thema Dating oder zu den Arbeitsverhältnissen) muten in der Tat sehr amerikanisch an, aber sehr weit sind wir hierzulande (leider !) nicht von diesen Verhältnissen entfernt und mit kleinen Änderungen lassen sich alle Beschreibungen auf unsere heimischen Verhältnisse übertragen.
Interessant ist jedoch, daß die Autorin bei Ihren Nachforschungen auf deutlich mehr europäische Studien gestoßen ist und daraus schlußfolgert, in Europa sei die Introvertiertheit akzeptierter als in den USA.
Das mag auch stimmen, wer sich jedoch z.B. in einem Unternehmen in der hiesigen Arbeitswelt umschaut
(Wer redet am meisten während der Konferenzen? Wer steigt mit größerer Wahrscheinlichkeit auf ?),
mag das kaum glauben. Interessant auch, daß es so wenig (mir bekannte) Bücher zu dem Thema gibt, die von europäischen Autoren stammen; man vergleiche dagegen die vielen Veröffentlichungen in den USA
(neben dem hier besprochenen Buch:
Introvert Power: Why Your Inner Life Is Your Hidden Strength,
Self-Promotion for Introverts: The Quiet Guide to Getting Ahead,
Quiet: The Power of Introverts in a World That Can't Stop Talking, das als Einziges mir bekannte auch in deutscher Sprache vorliegt:
Still: Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt,
u.v.a.m.).
Der wesentliche Unterschied zwischen Innies und Outies läßt sich im psychischen (und damit verknüpft auch im physischen) Energiehaushalt verstehen: den Innie laugt es förmlich aus, wenn er sich in Gesellschaft bewegt und sich exponieren muß. Was nicht bedeutet, daß er nicht gesellig sei oder sich nicht gerne mit anderen Menschen auseinandersetze. Er benötigt jedoch Phasen alleine "für sich", um seine Batterien wieder aufzuladen.
Der Outie dagegen lebt förmlich in Gesellschaft auf, für ihn wirkt gesellschaftlicher Trubel wie ein Energie-Gewinn, er "entlädt" sich, wenn er alleine und ohne externe Anregungen ist.
Das wird in diesem Buch sehr viel detaillierter (und besser) beschrieben und eindrucksvoll psychologisch, soziologisch und sogar überzeugend physiologisch (Gehirnchemie) untermauert.
Übrigens wird die Introvertiertheit von der Schüchterheit und der Hochsensibilität unterschieden. Introvertiertheit beschreibe, wie wir SIND (der Introvertierte ist ein Mensch, der seinen Fokus auf seiner Innenwelt hat), Schüchterneit sei dadurch bestimmt, was wir DENKEN, was andere über uns denken. Es gibt natürlich viefältige Überschneidungen, also zum Beispiel schüchterne Introvertierte, aber auch Differenzierungen (2 Klassiker zu diesen Themen, auch in diesem Buch empfohlen:
Shyness: A Bold New Approach,
The Highly Sensitive Person: How to Thrive When the World Overwhelms You)
Es folgen viele Tips für die verschiedenen Lebensbereiche, die teilweise wie ein Sammelsurium diverser Ratgeberbücher wirkt, jedoch halt für den speziellen Fall des Introvertierten ausgewählt und zugeschnitten sind.
Doch im Wesentlichen wirkt das Buch -und ich meine eine wirklich befreiende Wirkung !-, indem es mit stetiger und unermüdlicher Einfühlsamkeit deutlich macht, daß es nicht "falsch" ist, ein Introvertierter zu sein, welche Stärken wir Introvertierte haben, was uns so besonders macht. Es ist ein geglücktes Buch, das -neben den tatsächlich vielfältigen praktischen Tips- den Weg zur Selbstannahme ebnet!
Da die Outies ohnehin schon die "bessere Presse" haben als die Innies, wirbt das Buch natürlich in erster Linie mit den Vorzügen der Introvertierten, es wirbt aber gleichermaßen um Verständnis, daß BEIDE Ausprägungen natürliche Erscheinungen und wertvoll sind (verzeiht mir also bitte, liebe Extrovertierte, daß ich Euch "profilneurotische Brüllaffen" genannt habe !).
Ich wünsche mir unbedingt, daß dieses Thema weitere Verbreitung auch im deutschen Sprachraum erhält, sich so mancher Innie dadurch besser selbst annimmt, so mancher Outie damit mehr Verständnis für seine introvertierten Mitmenschen bekommt und -ein sehr idealistischer Wunsch!- daß es zur Pflichtlektüre von Personalreferenten gemacht wird !!!