... Saxon sind schon irgendwie der "VW Käfer" des britischen Heavy Metal.
Das ist schon ganz großes Kino, was uns die unerschütterlichen NWOBHM-Veteranen da in die CD-Schublade gelegt haben! Seit dem letzten Oberkracher "Unleash the Beast" haben sich Saxon sicherlich keine größeren Schwachheiten geleistet, aber hier und da gab's doch ein paar Längen und ein paar Füllmaterial-Songs.
Doch damit ist es auf "The Inner Sanctum" vorbei: Abwechslungs- und facettenreich gehen die Briten an's Werk und die amtliche Bauerfeind-Produktion bringt das erstklassige Songmaterial standesgemäß zur Geltung. Besonders erfreulich: Nigel Glockler (nix gegen die Herren Randow und Michaels, aber er ist für mich DER Saxon-Drummer) ist wieder dabei und das hört und spürt man. Er ist ein gutes Beispiel dafür, dass auch Trommler wichtig für das Songwriting sind.
Passend zum (atmosphärisch sehr gelungenen) Cover-Artwork startet das Intro mit gregorianischen Chorälen und geht nahtlos in "State of Grace" über. Man sollte das Urteil der Fachpresse ("schwächster Opener einer Saxon-Scheibe seit langem") nicht so ernst nehmen: Der Song ist gelungen und verbindet traditionelle Saxon-Tugenden (Melodie und Groove) mit ihren neu erworbenen Stärken (brettharte Gitarren im entscheidenden Moment, in diesem Fall der Chorus).
Was dann kommt - wie soll man das bloß sagen? Ich versuch's mal etwas uncharmant: Hütet Euch vor zornigen alten Männern!!! (--nix für ungut ;-) ) Eigentlich klingt Biff in den folgenden beiden Songs sogar stinkesauer!
Bei "Need for Speed" geht's schon recht flott und heftig zur Sache, aber "Let me feel your power" ist vielleicht das Brachialste, was man von Saxon je gehört hat. Der Songtitel ist hier Programm: Schnell, hart, präzise.
So soll Eishockey sein und so soll auch Metal sein, Einzelwertung 6 Sterne, mehr brauche ich nicht zu sagen.
Hat Biff sich heiser geschrieen? Gott sei Dank nicht, denn in "Red Star Falling" zieht er gesanglich (fast) alle seine Register. Der Song ist ein weiteres Juwel in der Saxon-Paradedisziplin der Halbballaden und ist mindestens so gut wie die anderen Meilensteinen dieser Kategorie ("Refugee (Solid Ball of Rock-Album)", Sea of Life (Metalhead-Album)").
Zugegeben, wenn man Titel wie "I've Got To Rock (To Stay Alive)" auf dem Cover liest, hat man so seine Befürchtungen, klingt schon ein wenig arg klischeehaft. Aber gut, die Musik zählt und nach 30 Jahren im Geschäft muss es Biff schließlich wissen. Hier ist jedenfalls Biker-Treff angesagt, ungefähr im Stil von "Wheels of Steel" oder "Get Down and Dirty" (Forever Free-Album). An ersteren Titel kommt auch "I've got to rock.." nicht heran (so einen Klassiker schreibt man auch nur einmal im Leben!), den letzteren übertrifft der aktuelle Song allerdings deutlich.
Ähnlich wie der Opener verbindet auch die Single-Auskopplung "If I was you" die verschiedenen Saxon-Tugenden sehr harmonisch miteinander. Herausgekommen ist eine kraftvoll-melodische Nummer, die live bestimmt Spaß machen wird.
Sowohl das hymnenhafte "Ashes to Ashes" als auch das traditionsverbundene "Going Nowhere Fast" (gewürzt mit einer Prise Accept-Riffing) können auf der ganzen Linie
überzeugen, bevor es mit dem Midtro "Empire Rising" zum 'finale grande', dem epischen "Attila the Hun" geht. Mit lupenreinem, abwechslungsreich dargebotenem Metal wird die Reise durch das musikalische Saxon-Universum beschlossen, wobei die beinharten Gitarrenriffs sich z.T. an "Witchfinder General (Lionheart-Album)" orientieren.
An dieser Stelle sollte man vielleicht ganz allgemein mal die ausgezeichnete, solide Gitarrenarbeit auf "The Inner Sanctum" erwähnen. Die Soli wirken inspiriert, sind nicht aufgesetzt oder erzwungen, es wird nicht zwanghaft in die Strophe hineingefiedelt, nichts dergleichen, straightes Riffing, straighte Leads -- schön so!
Fazit: So klingt eine Band, die nach Höhen und Tiefen und (teilweise misslungenen) Stilwechseln weiß, was sie kann und -- genauso wichtig -- was sie nicht kann. Nicht jedem Saxon-Fan wird jeder Song gefallen (siehe andere Rezensionen), aber was auf "The Inner Sanctum" drauf ist, steht für die Saxon anno 2007 -- und das ist 1 A.
Zur Bonus-DVD kann ich mich größtenteils den anderen Rezensionen anschließen. Für Fans fast ein Muss, für andere auf jeden Fall interessant, da man Live-Mitschnitte von alten Klassikern in voller Länge zu sehen bekommt, die die Atmosphäre eines Saxon-Tournee-Konzerts recht gut rüberbringen. Gewürzt ist das ganze mit (kurzen!) Interviews. Die DVD hebt sich positiv von der leider häufigen Geldmacherei (Band beim Frühstück, Band im Tourbus, Band beim Radio-Interview, Band beim aus-dem-Fenster-gucken *gähn*) ab.