T.C. Boyle erzählt das Leben von Alfred Kinsey aus Sicht eines (fiktiven) Assistenten des Sexforschers, John Milk. Aus der Perspektive von John Milk wird gezeigt, wie sich "Prok" Kinsey vom sympathisch-schrulligen Professor zum monomanen Sexfoscher entwickelt, der nicht nur die Grenzen seiner Wissenschaft hinter sich lässt, sondern schließlich auch die Grenzen wissenschaftlich-seriösen Forschens. Es ist interessant, dass Prok ausgerechnet bei seinem Werk zur Sexualität der Frau scheitert: Zum einen wird das Werk in der Öffentlichkeit zerrissen - hier scheinen die von Kinsey zuvor untersuchten sexuellen Abweichungen des Mannes immer noch akzeptierter zu sein als die der Frauen (ist heute wohl auch noch so), aber zum anderen hebt Prok in völlige Hybris während der Erstellung dieses Buches ab. Wissenschaftliche Hochmut kommt vor dem tiefen Fall. Langsam kann auch der dümmlich-loyale John Milk die Augen nicht mehr vor der Wahrheit verschließen, dass sein Chef in jeder Form sexuelle Obsessionen hat, aber tapfer versucht er weiterhin, durch ständiges Zitieren aus den einschlägigen Statistiken (sehr lustig!) seine eigenen ethisch-moralischen Zweifel an Proks Vorgehen zu verdecken und seine sexuelle Knechtung durch Prok zu rechtfertigen. Milks Frau ist die einzige, die Ethik und Moral erkennt und konsequent lebt und sich schließlich offen gegen eine Vereinnahmung durch Prok stellt - ihre Figur ist zentral für den ganzen Roman und sehr liebevoll gezeichnet.
Ein herausragendes Buch! Chapeau, Herr Boyle!
PS: Der Film "Kinsey" ist eine ideale Ergänzung zu "The Inner Circle"! Und wer mehr von T.C. Boyle lesen will, dem sei "Water Music" wärmstens empfohlen.