Die Autorin Kiran Desai hat den diesjährigen Booker Prize gewonnen - und damit nicht nur 50.000 Pfund, sondern zugleich das unbezahlbare Prestige des wichtigsten Literaturpreises Großbritaniens. Kiran, Jahrgang 1971, ist die Tochter von Anita Desai, die wiederum schon öfters durch von der Kritik lobend aufgenommene Werke auf sich aufmerksam machen konnte. Auch Kiran ist kein Neuling, ihr Erstlingswerk "Hullabaloo in the Guava Orchard" fand durchaus großen Beifall.
Nun gut, schaut man auf die Frankfurter Buchmesse, die dieses Jahr ganz im Zeichen Indiens stand, nimmt die Auszeichnung Kiran Desais nicht wunder. Mein persönlicher Favorit auf den Booker Prize war Sarah Waters, aber die Wege der Kritiker sind - das zeigt sich bei Literaturpreisen allenthalben - teilweise schlicht unergründlich. Doch das soll nun die Klasse von Desais Buch nicht schmälern:
Im Zentrum des Romans steht Indien in den 1980ern, kurz vorm dem Aufstand der Gurkha, einer Minderheit, die auch mithilfe von Terrorismus einen autonomen Staat anstrebte. Ein immer schwärzer werdender Schatten aus der Kolonialzeit liegt scheinbar seit Beginn des Romans über der gesamten Handlung. Kiran Desais Figuren haben allesamt mit der gebrochenen Identität des Kolonialismus zu kämpfen, allen voran die sechzehnjährige Sai, die sich unsterblich in ihren nepalesischen Privatlehrer Gyan verliebt und damit einen folgenschweren Fehler begeht.
Der Einblick in die indische Kultur ist eine wohltuende Abwechslung zu Handlungskulissen, derer man allmählich überdrüssig geworden ist. Dazu kommt eine einmalig schöne Schilderung der Natur, der Natursymbolik und der üppigen Sinnlichkeit des Subkontinents. Auch die Psychologie der Figuren wirkt stimmig. Klingt alles ziemlich perfekt, hat nur einen Haken. Kiran Desai schreibt sehr wenig und das merkt man ihr leider hie und da an. Es kommt einem dann und wann so vor, als müsse die Erzählinstanz dem Leser noch mal wiederkäuen, was beispielsweise Sai gerade fühlt und erlebt. Es sollte allerdings zu einem wirklich großen Roman gehören, dass der Autor dem Leser die Autonomie lässt, mit den Figuren selbst etwas anzufangen und das nicht noch einmal quasi-schulmeisterlich serviert zu bekommen. Aber das ist denn auch der einzige kleine Kritikpunkt, und zwar wirklich einer, den man verschmerzen kann.
Also begeben Sie sich doch hinein in den sinnlichen Bilderrausch eines schönen Buches. (Und lesen Sie vielleicht irgendwann einmal Sarah Waters unf fragen Sie sich, wer den Preis eher verdient hätte. Als wenn Preise alles wären.)