Ist das noch Jazz? Mit prominenten Musikern aus verschiedenen musikalischen Genres und unterschiedlichen Kulturkreisen hat Herbie Hancock auf diesem Album Songs aus dem Pop-Kanon aufgenommen. Man könnte allein die nächsten drei Zeilen locker mit bloßem Namedropping füllen, allerdings ohne damit irgendetwas auszusagen (das überlasse ich lieber der Plattenfirma). Oberflächlich betrachtet könnte man dahinter zunächst beliebigen, kalkulierten, belang- und zusammenhanglosen Weltmusik-Pop vermuten. Doch nicht bei Hancock. Über ein Jahr war er auf dem halben Erdball unterwegs, um diese Aufnahmen zu machen. Es ging ihm nach eigener Aussage um nichts geringeres als den Begriff Frieden, nicht nur im Großen, sondern im Kleinen, Privaten. Kulturelle Vielfalt als Bereicherung, Unterschiedlichkeit als Faszination, Spannung nicht als Quelle von Konflikten sondern von Kreativität und Lebendigkeit. Das verbindende, Frieden stiftende Element ist für einen Mann wie Hancock natürlich die Musik. Klingt schwülstig, aber irgendwie nehme ich ihm das trotzdem ab.
Tatsächlich ist Hancocks unverkennbarer, originärer Stil an Piano und Keyboard und seine Eigenart als Bandleader, den Musikern genügend Raum zu lassen, die Klammer, die alles zusammenhält. Manchmal ist das auch arg riskant und gefährlich nah an der Grenze zum Kitsch (und zugegebenermaßen in Momenten auch schonmal darüber). Der Interpretation von "Don't give up" kann er meiner Meinung nach nichts Neues hinzufügen, das ist ihm mit einem anderen Peter Gabriel-Song ( "Mercy Street" auf "The New Standard" ) schonmal besser gelungen. Ein Vorwurf, den man 'The Imagine Project' zumindest teilweise machen kann, ist das Schielen nach dem Markt. Meiner Meinung nach hat man die massentauglichsten aber auch schwächsten Stücke an den Anfang gestellt, was sicher auch Kalkül war. Pink und Seal sind für die Gesangsparts nach meinen Geschmack auch die falsche Wahl (Gottseidank musste Elton John absagen'). Aber danach wird's besser und die CD enthält doch einige Perlen, die den Kauf rechtfertigen. "Tamitant Tilay/Exodus" ist ein echter Geniestreich und bis jetzt mein Lieblingssong auf diesem Album, ein Song der sich schlichtweg jedem Schubladendenken entzieht.
Ich glaube nicht, das Herbie Hancock ein naiver Weltverbesserer ist. Er hatte ein Ziel, das zu hoch gesteckt war und das niemand je erreichen wird. Aber er weiß wahrscheinlich auch, das er ohne dieses Ziel vor Augen gar nichts erreicht. Nicht alles auf dieser Platte ist gelungen, an seiner Vision ist Hancock gescheitert. Aber dabei ist ihm zumindest in Teilen wunderbare Musik gelungen.
Und Wagnis, Freiheit, Vielfalt, Lebendigkeit, Offenheit ' DAS ist allerdings Jazz