Auf dieses Kartendeck trifft vieles zu, was ich schon zu dem unerreichten The Faeries' Oracle geschrieben habe: Wer hier ein Naturgeister-Feen-Elfen-Orakel à la Doreen Virtue erwartet, wird bitter enttäuscht. Dieses Orakel, das teilsweise recht düster und englisch-herb rüberkommen kann, ist weit entfernt davon, ein nettes Wellness-Spielzeug zu sein. Es ist vielmehr eine lebendige, lebende und respektvoll zu behandelnde Brücke zu Faery, der Anderswelt, und eh man's sich versieht, verschwimmen die Grenzen und Faery schwappt in den diesseitigen Alltag herein.
Dieses zweite Deck von Brian Froud ist allerdings nicht eine Erweiterung, sondern vielmehr eine Ergänzung zu seinem Erstling. So liegt der Fokus von Heart of Faery auf der Beziehung - den zwischenmenschlichen Beziehungen, der Beziehung zwischen Faery (der Anderswelt) und den Menschen, der Beziehung eines jeden zu sich selbst. Entsprechend anders zeigen sich die Gruppen, in die sich die Wesenheiten hier gliedern: da gibt es die Königinnen, die die verschiedenen Aspekte des Weiblichen verkörpern, und es gibt ihre Gefährten, die die unterschiedlichen Aspekte der Beziehung zwischen Männlich und Weiblich ausdrücken. Auch hier gibt es die Gruppe der Archetypen - die Alte, der Zauberer, der Held, usw. - hier jedoch treten die Fae als "göttliche Paare", Lord und Lady, die jeweils maskuline und feminine Energie, die in allem enthalten ist. Dann gibt es eine Gruppe von "Sprites" - Kobolde, Wichte, oder Elfen - Helferwesen, die frech, aber nie bösartig daherkommen, die Gruppe der Ladies, unberechenbarer und persönlicher als die Königinnen, und zuletzt eine Gruppe, die "die Reise" heißt, und wie es die Große Arkana des klassisschen Tarot tut, die Stadien der Lebensreise beschreiben... hier jedoch auch die Reise in die Anderswelt und wieder zurück.
Ich empfinde dieses zweite Faery-Deck als geordneter, als gewissermaßen zielgerichteter, direkter. Während das Faeries' Oracle das Tor zu Faery öffnet und uns diejenigen Wesen treffen lässt, die gerade eien Botschaft haben, fühle ich in Heart of Faery die Wichtigkeit eines Entwicklungsweges, eben der zuletzt genannten "Reise" zu uns selbst. Entsprechend kann man die beiden Orakel einzeln für deise unterschiedlichen Fragestellungen benutzen. Ich selbst benutze die Decks gemischt, wobei irritieren kann, dass dann einige Karten doppelt zu sein scheinen: so gibt es in beiden Decks auf der sowohl Karten mit identischen Titel, wie The Maiden oder The Green Lady, deren Botschaften sich zwar überschneiden, aber nicht decken, als auch Karten mit derselben Botschaft, die von total unterschiedlichen Wesen vermittelt werden.
Wie der Vorgänger ist das Begleitbuch ein schön gestaltetes, stabiles Hardcoverbuch, das viele Anregungen sowohl zur Benutzung der Karten als auch Interpretationsvorschläge als auch Hintergrundwissen enthält. Verfasst wurden die Texte hier von Brian Frouds Frau Wendy (besser bekannt oder besser, unbekannt!, als die Schöpferin von Puppen wie z.B. Yoda aus StarWars!) und wenngleich weder an der Tatsache noch an den Texten an sich etwas auszusetzen ist, irritiert mich dieser Wechsel - so wie es irritiert, wenn in deiner Lieblingsfernsehserie die Hauptperson auf einmal die Synchronstimme wechselt. Auch macht Wendy, im Gegensatz zu Jesa Mcbeth, der Autorin des Faeries' Oracle Beibuches, keine Unterschied zwischen reguläten und auf dem Kopf stehenden Karten.
Um jetzt zu einem Schluss zu kommen: ein tolles, humorvoll aber dennoch ernstzunehmendes Deck, das für sich genommen ebenso "funktioniert" wie als Ergänzung zu seinem Vorgäner/Partner-Orakel. Ich empfehle es dringend weiter :-)