Auch Within Temptation haben eine interessante Entwicklung durchgemacht. Zunächst in unserem Nachbarland den Niederlanden als Newcomer gelobt und in Deutschland nur als Geheimtipp bekannt, spielten sie als Vorband von Orphanage, einer Death-Metal Kapelle, welche ebenfalls aus den Niederlanden stammen. Ihr zweites und mittlerweile schon sehr altes Album "Mother Earth" war zunächst eben auch nur in den Niederlanden ein richtig gut verkauftes Album bevor es in Deutschland vor einigen Jahren neu veröffentlicht wurde. Und damit wurde diese Band auch hierzulande einigermaßen bekannt. Obwohl schon auf '"Mother Earth"' große Melodien Programm waren, war die Produktion nicht besonders mitreißend. Der große Durchbruch gelang ihnen aber mit '"The Silent Force". Dieses Album haben Within Temptation zusammen mit einem Orchester aufgenommen, entsprechend bombastisch sind auch die Songs. Dieser Bombast wird nun auf diesem neuem Output "The Heart of Everything" fortgesetzt.
Zur Musik: Die elf Songs dieses Albums, dessen Gesamtspiellänge etwa eine Stunde beträgt, sind mit durchschnittlichen fünf Minuten etwas länger als noch auf '"The Silent Force"' und können sich dadurch auch besser entfalten.
Das Einstiegstück '"The Howling"' ist allerdings nicht repräsentativ für "The Heart of Everything", obwohl es typisch nach Within Temptation klingt und das Album nach einem kurzen Intro sehr orchestral eröffnet. Dies liegt einerseits am Gesang von Frau DenAdel, die hier fast ausschließlich zweistimmig singt. Außerdem setzt er sich durch seinen zerhackten Rhythmus von den übrigen Stücken stark ab. Der bereits für WT als typisch zu bezeichnende Bombast kommt aufgrund der sehr wuchtigen Gitarrenwände, treibenden Beats und des breitbändigen Orchesters sehr gut zur Geltung. Als Opener dennoch bestens gewählt und gilt als Bindeglied zur Vorgänger "The Silent Force". Willkommen in der Zukunft von WT...
"What Have You Done" ist das Lied, welches offensichtlich zu sehr gespaltenen Meinungen führte. Allerdings ist genau der umstrittene ansatzweise zu erkennende Rapgesang von Maestro Caputo für die Songdynamik sehr förderlich. Ein geiles Lied, welches man spätestens nach drei Hördurchgängen nicht mehr vergisst, welches sich im Gehirn festfrisst.
Mit "Frozen" platzieren WT nach einem tollen Anfang eine Breitwandballade, welche v.a. durch Klavierpassagen als tragendes Element zusammen mit den Vokals eine wohlige Gänsehaut erzeugt.
"Our Solemn Hour" ist ja bereits dem Titel nach sehr feierlich, in meinen Ohren allerdings das nervigste Lied des Albums uns somit ein echter Totalausfall. Einerseits mit Orchester zugekleistert, andererseits ist die Gitarrenarbeit bis zur Peinlichkeit auf Powercords reduziert worden. Für Gothic-Rock Liebhaber aber trotz der schwulstigen Melodien wahrscheinlich das beste WT Lied überhaupt...
Warum "'The Heart of Everything"' allerdings das Titelstück ist, scheint mir unverständlich, da es maximal als Lückenfüller und Zeitschinder dient...
"Hand of Sorrow" ist eine weitere sehr tolle Midtempo Ballade, welche v.a. durch einen sehr einprägsamen Refrain begeistert. Der Gesang als zentrales Element wird durch sehr klare Instrumentalisierung mit Klavier und Orchester (und natürlich den üblichen Instrumenten) gut unterstrichen, so dass ein sehr harmonischer Hörgenuss aufkommt. Sehr tolle Melodieführung!
Die weiteren Stücke '"The Cross"', '"Final Destination'" und "'All I Need"' überzeugen ebenso durch ihren enormen Bombast, wobei "'The Cross"' das experimentellste Lied überhaupt auf '"The Heart of Everything"' ist, da der Gesang an wenigen Stellen mit Vocodern bearbeitet wurde.
Das interessanteste und gleichzeitig mit 7:05 Minuten längste Stück des Albums ist "'The Truth Beneath the Rose"', welches dadurch natürlich sein enormes Hit-Potential vollständig entfalten kann. Ebenfalls im Midtempo gehalten endet es nach einem finalen Chorgesang in einen verträumten Klavieroutro. Und leitet somit zum Schlusstrack "'Forgiven'" über.
'"Forgiven"' ist einer der besten Songs die WT je veröffentlicht haben, da er durch seine Einfachheit eine sehr große Ausdrucksstärke besitzt und nicht wie üblich von Gitarren und Schlagzeug überladen wird. V.a. VanAdels Stimme mit ihren leichten Unsicherheiten im Strophenteil ist sehr geil. Der Chorus hat eine unglaublich tolle Melodieführung, die durch die zusätzliche Orchestrierung und den warmen Klang des Klaviers (oder Flügels?) an großer Kompaktheit gewinnt.
Fazit: Within Temptation liefern mit "The Heart of Everything" ein sehr solides Album ab, welches zwar keine neuen Maßstäbe setzen und die Musikwelt nicht verändern wird, sie aber sehr wohl bereichert. Den Hörer erwarten bombastgeladene 60 Minuten Gothic-Rock, der sehr viel Spaß macht. Obwohl nicht alle Songs vollständig überzeugen und separat vielleicht sogar langweilig wären, gefällt der Gesamteindruck.
Vergleiche mit Evanescence kann ich allerdings bei bestem Willen nicht finden. Weil erstens beide Bands unterschiedlichen Genren zugeordnet werden sollten, zweitens WT älter sind und drittens Evanescence im Wesentlichen auf zwei Referenzen verweisen können wobei durch den Ausstieg des Hauptsongwriters Evanescences neues Output kompositorisch sehr schwach ist. Bands wie Krypteria oder gar Sirenia sollten sich hier noch einmal genau anhören wie man wirklich großartige Songs schreibt und umsetzt!
Anspieltipps:
- Hand of Sorrow
- The Truth Beneath the Rose
- Forgiven