Nach fast 40 Jahren wieder aus den Archiven geholt, präsentiert sich 'The Great War' als würdiger Vorläufer zum bekannteren 'The World at War' und beweist wieder einmal, was früher an historischer Dokumentation möglich war (Ein solches Mega-Unternehmen - 18.5 h - wäre heute schlicht undenkbar,und das nicht nur wegen der nicht mehr lebenden Zeitzeugen - echt zum HEULEN!). Die Serie verblüfft durch ihre Fairness (darin selbst vielen Historikern voraus, man denke nur an die Fischer-Kontroverse) und die Bereitschaft, auch die unschön(st)en Nebenerscheinungen ungeschminkt darzustellen (Greuelpropaganda, Heuchelei, Dummheit, Kriegsgewinnlertum, summarische Erschiessungen etc.) und zwar für ALLE Beteiligten. Bilder, Zeitzeugenaussagen und Kommentar hinterlassen tiefe Eindrücke beim Betrachter. Das Pathos wirkt hier endlich einmal angemessen und nicht - wie so oft - hohl, da gibt es keinen Ruhm zu besingen, sondern den Wahnsinn und die Sinnlosigkeit dieses ersten Welt-Krieges (in manchem schlimmer als der zweite).
Zwei mögliche Kritikpunkte fallen hier angesichts der Gesamtleistung kaum ins Gewicht: Die teilweise Verwendung von nichtoriginalem Bildmaterial (WWI-Filme der 20er)und der an einigen Stellen überholte Wissensstand (die Serie ist von 1964). Das gestellte Material ist von Originalen (die es oft gar nicht gibt) meist nur durch den Aufnahmewinkel zu unterscheiden, und es werden keine spezifischen Aussagen daran festgemacht. An den entscheidenden Punkten ist das Material echt (Selbst bei der Oktoberrevolution, wo schon seriöse Historiker aus Eisenstein reingefallen sind). Und was den Forschungsstand angeht: Wir erleben gerade jetzt einen Umbruch in der Bewertung des WWI (Buchempfehlung: N.Ferguson:Der falsche Krieg).
Fazit: Wer an einer Doku über den Ersten Weltkrieg interessiert ist, wird nichts besseres finden als 'The Great War'. Zusammen mit 'The World at War' wird ein bis heute nicht übertroffener Maßstab für historische Dokumentation gesetzt.