Geschafft! Dabei habe ich alles in allem nur vier Monate gebraucht, um mich durch die eintausenddreihundert Seiten kleingedruckten englischen Text des voluminösen Taschenbuchs "The Great War For Civilisation. The Conquest of the Middle East" des britischen Journalisten Robert Fisk zu arbeiten. Aber, um es gleich vorweg zu sagen, die Mühe hat sich in mehrfacher Hinsicht gelohnt. Zum einen ist es für die eigene Fähigkeit, englische Texte zu lesen, zugegebenermaßen eine enorme Herausforderung, aber zugleich auch eine nicht hoch genug einzuschätzende geistige Übung. Auch wenn man nicht alles Wort für Wort übersetzen kann, allein schon der grobe Rahmen reicht aus, um sich jeden Tag aufs neue von den teilweise unglaublichen Schilderungen des Autors gefangennehmen zu lassen. Fisks Buch liest man mit großer innerer Anteilnahme. Dabei wechseln sich oft genug Empörung mit stiller Wut, Verzweiflung mit innerer Anteilnahme ab. Dies besonders an den Stellen, an denen er unglaubliche Einzelschicksale beschreibt und den Toten nicht nur einen Namen gibt sondern ihnen zudem durch seine Schilderung ein bleibendes Andenken setzt. Viele Vorgänge und Zustände, die er beschreibt, fanden in unserer Presse so gut wie kaum oder gar keine Beachtung, weil sie nicht ins jeweilig vorherrschende Weltbild paßten. Fisks Stärke: er schreibt nicht nach dem Mainstream sondern fühlt sich ausschließlich seinem Gewissen und seinem Beruf als Journalist verpflichtet. Hier hat jemand seine persönlichen Erlebnisse vor allem in Middle East aufgeschrieben und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Detailliert und kenntnisreich schreibt er nach der Devise "...our job is to monitor the centres of power", und bezieht sich dabei auf eine Äußerung der jüdischen Journalistin Amira Hass, die jahrelang im Gaza-Streifen unter den Palästinensern gelebt hat, weil sie am eigenen Leib deren alltägliche Diskriminierung durch die israelischen Besatzer erleben wollte. Hass' Worte hält er für die beste Definition von 'Journalismus' die er je gehört hat, wie er selbst in seiner Einleitung bekennt. Er beschreibt die aktuellen Brennpunkte des Weltgeschehens Afghanistan, Irak, Iran, Pakistan, Israel, Palästina nicht aus der Ferne, sondern als Berichterstatter vor Ort und macht obendrein das, was vielen Journalisten heute abhandengekommen zu sein scheint: er berichtet nicht nur aus der Gegenwart heraus, sondern liefert Hintergründe, die sorgfältig und punktgenau recherchiert sind! Dabei legt er auch schonungslos jene Rolle offen, die die USA und Großbritannien in diesem Trauerspiel eingenommen haben. Alles in allem ist Fisks "The Great War for Civilisation" ein aufwühlendes, ein erschreckendes, die Bigotterien westlicher Politik überdeutlich aufzeigendes, notwendiges und deshalb für diejenigen, die der englischen Sprache in ausreichendem Maße mächtig sind, empfehlenswertes Buch. Es ist sowohl eine Fundgrube an Fakten und Informationen, als auch ein Hoffnungsschimmer gleichermaßen, daß es doch noch Journalisten gibt, die sich ausschließlich der Wahrheit verpflichtet fühlen und sich auch nicht einschüchtern lassen von unzähligen Emails, in denen ihnen 'Anti-Amerikanismus' oder auch 'Anti-Semitismus' vorgeworfen wird. Am Ende ist der Informationszugewinn über das, worüber Fisk berichtet, unschätzbar und läßt einen leicht die Mühe, die man vielleicht bei der Lektüre gehabt hat, vergessen.