Die großen Violinkonzerte wurden von allen berühmten Geigenvirtuosen gespielt und haben alle ihre individuellen Meriten. Auf die Einspielung mit Mutter/Karajan in der Zusammenstellung mit Mozart, Beethoven, Mendelssohn, Bruch und Brahms greife ich immer wieder gern zurück, obwohl ich auch ein Verehrer anderer Geigenkünstler/innen bin, auch soweit es sich um das gleiche Repertoire handelt. Um verschiedenen Kundenwünschen nachzukommen, erfolgten auch Auflagen in kleinerer unterschiedlicher Zusammenstellung. In einzelnen Kritiken, die demzufolge verstreut untergebracht sind, wird teils eine gewisse Kühle der Interpretin also auch noch eine gewisse fehlende menschliche Reife beklagt. Mir erscheint diese Kritik verfehlt. Teilweise scheint auch die künstlerische Gestaltungsfreiheit nicht oder nicht hinreichend berücksichtigt zu werden. Wer bereits in jungen Jahren so eindrucksvoll die großen Violinkonzerte eingespielt hat wie Anne-Sophie Mutter, musste zwangsläufig schon einen enormen Grad an menschlicher Reife erlangt haben. Aus dem jugendlichen Alter auf mangelnde Reife zu schließen, ist nichts anderes, als simple Vorurteile zu bedienen. Die technische Perfektion ist bei allen Großen der Zunft selbstverständlich. Nicht zuletzt schätze ich bei Anne-Sophie Mutter darüber hinaus das Erspüren von Geist und Seele des gespielten Werks und die gediegene Verantwortung gegenüber dem musikalischen Schöpfer sowie die daraus folgende konsequente Entschiedenheit und absolute Stringenz, von der atemberaubenden Virtuosität ganz abgesehen, und zwar abhold jeder falschen Sentimentalität.Sie spielt mit höchster Konzentration, was den Vorwurf der Distanz zum Hörer eher absurd erscheinen lässt, ohne unangebrachte Weichzeichnungen und somit auch mit der nötigen Schärfe in den Konturen.