Progressive Metal, das ist im besten Fall die Musik mit dem unaufhörlichen Drang nach vorne und dem Willen zur Freiheit in der Gestaltung musikalischen Ausdrucks. Wenn Musik eine grundlegendere Form der Inszenierung von Gedanken und Ideen ist als Sprache, dann ist es dementsprechend schwierig eine Rezension zu verfassen über die musische Qualität. Wenn Musik frei ist von Zwängen, dann birgt sie zuweilen eine Schönheit in sich, die in der Sprache ausgedrückt kaum eine adäquate Entsprechung finden kann. Angenommen, diese unbändige Wonne wird durch Seventh Wonders neues Werk geliefert, was könnte man dann in einer Rezension darüber sinnvoll mitteilen? Die Antwort ist: Eine Empfehlung!
Anbei seien Gründe angeführt, um die wirtschaftliche Differenz zwischen Amazons Lagern und der Drehbewegung der Scheibe im Player des potentiellen Käufers zu beseitigen.
1) Tommy Karevik experimentiert auf diesem Album mit seiner Stimme wie ein progressiver Instrumentalist. Das Produkt ist nicht Frickelei, sondern Klarheit, Brillianz, Emotionalität, mitreißende Freude. Er macht den Unterschied aus zwischen einer ambitionierten progressiven Band mit guten Instrument- Beherrschern (wovon es etliche gibt) und einer vollendeten Künstlergruppe, deren Werk nicht durch mangelnde Ausdrucksfähigkeit des Sängers behindert wird (von denen nur noch ganz wenige übrig bleiben). Er hebt die Band in eine höhere Sphäre, denn seine Stimme lässt das Werk vollendet schön klingen. Allein seine Stimme ist den Kauf wert.
2) Die Melodien sind ein harmonisches Loblied auf die Welt. Seventh Wonder haben sich einen unverkennbaren, eigenen Stil geschaffen, der durch Frische und Fröhlichkeit besticht. Man wird den Eindruck nicht los, dass die Musiker partout keine Lieder schreiben wollen, sondern nur Hymnen komponieren.
3) Herr Andreas Blomqvist spielt auf dieser Scheibe zu sehr großen Teilen mit seinem geliebten fretless (=bundlosen) Bass. Nicht nur dadurch erhält sein ohnehin atemberaubend einfühlsames Spiel eine äußerst betörende Wärme. Das ist geniale Technik gepaart mit dynamischer Ausdifferenzierung; Man spürt quasi seine offenbar ausgeglichene Persönlichkeit durch die Noten hindurch schwingen... Sein Bassspiel ist der wohlige Mantel auf den Abenteuerfahrten dieser Gruppe.
4) Die Gitarre treibt so wunderbar die Rhythmen an, dass man kaum still sitzen bleiben kann. Sie ist wie die wundervolle Begleiterin auf der Wanderschaft. Wenn sie zum Solo ansetzt, dann ist das kein wirres, selbstsüchtiges Gequassel, sondern hat immer etwas substanziell Erzählerisches. Und wenn Instrumente Geschichten erzählen, dann ist auch dies ein Argument für gesteigerte Ausdrucksfähigkeit des Zupfenden.
5) Im letzten, 30 minütigen Lied, begeben sich die Jungs auf eine Expedition in das Universum Aniaras, des zugrunde liegenden literarischen Versepos von philosophischer Dimension. Seventh Wonder beweisen hier, dass sie auch die dramaturgische Ausgestaltung ihrer Lieder beherrschen, denn dies ist eine Reise von kathartischer Theatralität. Wer Symphony X' 'The Odyssey' mag, wird dieses Lied lieben.
6) Während das geniale Mercy Falls als ein durchdachtes Konzeptalbum mit konkreten Begebenheiten daherkam, so ist das vorliegende Werk die erhoffte Weiterentwicklung der Band, denn 'The Great Escape' ist episch: Voller Phantasie, ironisch, raum- und zeitlos schön. Dazu strahlt es vor Daseinsfreude, dass all die Alltagsroutinen (zumindest für den Moment) nur so dahinschmelzen...