Nachdem ich den Film "The Graduate" im Rahmen des Englischunterrichts gesehen hatte, wurde ich neugierig auf den gleichnamigen Roman von Charles Webb.
Mit "The Graduate", zu Deutsch "Die Reifeprüfung", ist dem 1939 in San Francisco geborenen Autor ein viel diskutiertes Werk gelungen, denn die hier behandelte Thematik galt im konservativen Amerika der Sechziger Jahre als Tabuthema: Getrieben von den Ansichten und hohen Erwartungen seiner Eltern sowie deren Bekannten, zwischen Erwachsenwerden und dem Entdecken seiner Sexualität, steuert der junge Collegeabsolvent Benjamin, der nichts mit sich anzufangen weiß, geradewegs in eine Affäre mit einer doppelt so alten, verheirateten Frau. Als sich Benjamin schließlich in die Tochter seiner heimlichen Affäre verliebt, ist das Chaos komplett.
Der zweifache Vater und Ehemann, der selbst das College besuchte und seinen Abschluss in Amerikanischer Geschichte sowie Literatur erfolgreich bestand, brach mit seinem 1963 erschienen Debütroman, einer Satire über die damalige etablierte amerikanische Oberschicht, welche ebenso gut unter dem Motto "Irrungen und Wirrungen" gestanden haben könnte, jegliche Konventionen.
Was sich spannend anhört, versagt auf ganzer Linie! In punkto sprachliche Unterforderung kaum zu übertreffen, wird dem Leser neben einsilbigen, wenig aufschlussreichen Aussagen wie "No" oder "Yes" herzlich wenig abverlangt. Offenbart sich das nicht vorhandene Talent bereits im Erstlingswerk? Ein denkbar schlechtes Omen!
Logik scheint in seinem Stück nicht stattzufinden. Dazu fehlen einfach die Hintergrundinformationen zu den Protagonisten, Gedankengänge werden gar nicht erst ausgeführt: Zumindest bis jetzt konnte noch nicht geklärt werden, warum Elaine, Benjamins Auserwählte, jedem potentiellen Heiratskandidaten zuwilligt ihn zu ehelichen. Doch wundern sollte einen dies nicht, denn die Charaktere glänzen ohnehin kaum durch ihre dürftigen Emotionen. Verzichtete der Autor bewusst auf Gefühle, um das konservative Amerika der 60er so möglichst realitätsgetreu darzustellen? Immerhin passt die Oberflächlichkeit zur gewählten Form des Romans, die sich ja ausschließlich auf Konversationen beschränkt, welche allenfalls eine narkotisierende Wirkung hinterlassen.
Die einzige Rettung naht hier nur noch in Form des provokanten, unerfahrenen Benjamin Braddock, der selbst in der seriösesten Situation den Ton verfehlt: "We might as well have been shaking hands" - so lautet seine Rechtfertigung für die Affäre im Gespräch mit dem vor Wut überschäumenden, da betrogenen, Ehemann.
Letztendlich war der Roman zum Zeitpunkt der Veröffentlichung allein schon wegen seiner unberührten, gar unerforschten Thematik sicherlich interessant, eignet sich heute aber nur noch als Zeitvertreib für Zwischendurch - wenn überhaupt. Zumal die überflüssigen Vokabelangaben dem Leser den letzten Reiz des Anspruchsvollen nehmen. Wer also auf eine actionreiche Lektüre hofft, wird von der überaus monotonen Handlung und Erzählweise mehr als enttäuscht sein.