Die letzte musikalische Deutung der Goldberg-Variationen halte ich persönlich für die bedeutendste. Der New-Yorker Pianist und Komponist Uri Caine, der sich schon erfolgreich mit Gustav Mahler und Richard Wagner interpretatorisch und grenzüberschreitend auseinander setzte variierte die Goldberg-Variationen als ein Musiker des 21. Jahrhunderts. Er riskierte im Bach-Jahr 2000 einen grandiosen Einbruch in Bachs hermetische Musikwelt mit einer bizarren akustischen Zeitreise.
Er sagt dazu in einem Interview mit der Zeitschrift Fono Forum im Juli 2000:
'Ich las etwas sehr interessantes in einem Buch über Bach. Der Autor beschreibt die Goldberg-Variationen als ein Werk, in dem man durch die Variationsform sich Stücke annähern lassen kann, die atmosphärisch sehr verschieden sind. Weil sie alle vereinheitlicht sind durch das Thema, das sich vom Anfang bis zum Ende des Werkes durchzieht... Er schreibt eine Gigue, dann ein chromatisches Stück, danach eine französische Ouvertüre. Ein Satz klingt nach Scarlatti, ein anderer wie ein strenger Choral. ' Er prüft in dem Zyklus ganz verschiedene Stile seiner Zeit.
Und trotz dieser Unterschiede gibt es eine Einheit.
Auch Uri Caine verwendet Tanzformen, allerdings nicht Gigue oder Menuett, sondern moderne wie Tango, Mambo oder Walzer. Caine variiert das Thema nicht in unterschiedlichen Nationalstilen, sondern in der Komponierweise eines Händel, Vivaldi, Mozart oder Rachmaninoff sowie in unterschiedlichen Jazzstilen wie: Gospel, Ragtime, New Orleans, Free Jazz, BeBop oder Bossa Nova. Über 50 Musiker, darunter darunter Weltklasse-Jazzer wie Don Byron (Klarinette), Ralph Alessi (Trompete) und Klassik-Instrumentalisten spielten seinen Zyklus einer möglichen Zukunfts-Musik kongenial und leidenschaftlich ein. Manche der 72 Variationen sind sehr eng an die Originale angelehnt und auf historischen Instrumenten wie Gambe, Barocktrompete oder Laute gespielt, andere leicht verfremdet; z. B. verzaubern uns die elfengleiche Stimmen des Kettwiger Bach Ensembles in der Variation No. 24 mit ihrem sphärischen Schöngesang während David Moss darüber mit herzzerreißenden Vokalausbrüchen improvisiert.
Uri Caines' Goldberg-Variationen beweisen ihn als einen Virtuosen der Verwandlung und musikalischen Universalisten. Sie sind ein unglaublich vielfältiger akustischer Kosmos zwischen alt und neu, eine Kompendium der musikalischen Möglichkeiten unserer Zeit; geschaffen für alle, die Musik noch mit Aufmerksamkeit und offenem Herzen hören.