Goulds Einspielung von WK II bleibt weit hinter seiner hinreissenden Interpretation von WK I zurück. Sicher, es gibt auch hier herrliche Stücke und Momente.
Ein charakteristischer Aspekt von Goulds Bachspiel ist sein feuriges Temperament, das die Stimmen in eine Art sportliche und kämpferische Zwiesprache treten lässt. Und dies ist nicht nur reizvoll und funktioniert bei vielen Stücken, es passt oft auch genau.
Aber bei WK II artet dieser Geist bei sehr viel Stücken in eine Art brachiale Tour-de-Force, in ein mechanisches Hämmern aus, das auch gar nicht mehr versucht, der individuellen Wesensart der einzelnen Präludien und Fugen gerechtzuwerden. Und die Tempi werden meistens so schnell genommen, als gälte es, einfach möglichst schnell mit der ganzen Einspielung fertig zu werden.
Bei diesem Gewaltritt werden viele Kleinodien schlicht übersprungen bzw. begraben, deren Schönheit erst ein kontemplatives Verweilen und ein lyrisches und singendes Cantabile-Spiel offenbaren würde. Stücke wie Präludium und Fuge 22 aus seinem WK I, BWV 867, findet man hier nicht mehr.
Vielleicht gibt es kein besseres Beispiel für das, was ich meine, als seine Einspielung von Fuge 9, WK II, BWV 878. Man vergleiche diese harte und herzlose Hämmerei mit seiner Einspielung des gleichen Stückes im zweiten Teil des unsterblichen dreiteiligen Fernseh-Interviews mit Bruno Monsaignon (Titel: Die Kunst der Fuge). Hier kommt Gould zu sich, hier ersteht eine prächtige Stimmung des Friedens, der Gelassenheit und der Andacht, die im übrigen auch seine späteren Einspielungen von Teilen aus BWV 1080 auszeichnet, um nur ein Beispiel zu nennen.
Gould kann auch dies, es ist keine Frage. Und ich bin selber ein begeisterter Gould-Fan. Aber diese Einspielung von WK II lässt doch zu wünschen übrig.