Kein Zweifel: Glenn Goulds Interpretationen von Barockmusik auf dem Klavier gehören zu dem Interessantesten was es in diese Richtung gibt, und es ist immer begeisternd zu erleben, mit welcher Originalität und Präsenz er die Werke interpretiert. So auch hier. Aber... ich bin in der letzten Zeit ein bisschen kritischer und abgeneigter gegen die Methode Gould geworden, weil viele seiner Interpretationen an Fassungen mit Originalinstrumenten nicht herankommen. Gerade auf der vorliegenden CD sind besonders viele Stücke enthalten, bei denen die Übertragung vom Cembalo aufs moderne Klavier keine guten Ergebnisse zeitigt, aus prinzipiellen Gründen und ungeachtet aller Gouldschen Spielkunst. CPE Bach und D.Scarlatti sind zwei Beispiele von Barockkomponisten, deren Werk bereits weit in modernere, klassische Zeiten vorausweist, und ich finde, die für ihre Zeit ungewöhnliche Modernität dieser Stücke ist auf dem Cembalo viel besser wahrnehmbar, hingegen wird der Höreindruck der Klavierfassung unweigerlich von unseren Hörgewohnheiten von späteren Klassikern her überlagert; diese Stücke sind also in Wirklichkeit viel sensationeller als sie hier klingen (trotz aller Gouldschen Kunst). Zweitens, es sind zwei Kompositionen von JS Bach enthalten, von denen im Beiheft ausdrücklich versichert wird, dass Gould "sie nicht mochte"; vielleicht von seinem Pianistenstandpunkt aus zu Recht. Die Chromatische Fantasie (hier als Torso, leider-leider ohne die nachfolgende Fuge) mit ihren Arpeggios knüpft natürlich an die Kunst an, auf der Laute Präludien zu improvisieren; diese Musik ist fürs Cembalo immer noch idiomatisch; diese Verbindung reißt aber bei einer Klavierinterpretation vollends ab. Und vor allem: Ein Werk wie das Italienische Konzert kann auf einem Hammerklavier nichts werden; das Cembalo hat ja nicht weniger Dynamik als das Piano sondern vor allem eine andersartige: es ermöglicht kein An- und Abschwellen, aber dafür eine Art von Solo-Tutti-Abstufung. Aus diesem Grund ist es möglich, interessant, und eine glückliche Idee Bachs, den Typ des italienischen Orchester-Concertos auf dem Cembalo zu imitieren. Das Klavier hat dazu aber gar nichts zu sagen, seine Fähigkeiten liegen völlig quer zu diesem Stück: Es ergibt sich kein rechtes "concertieren", weil der Klang des Klaviers stets zu einheitlich bleibt und die reine leise-laut-Abstufung kein Ersatz für solo-tutti ist.
Der langen Rede kurzer Sinn: Gould ist natürlich klasse, aber man sollte sich ihn mit anderen Stücken anhören als diesen; Interpretationen die richtig gut funktionieren sind da mE die Toccaten von Bach sowie auch das Wohltemperierte Klavier. Die vorliegende Aufnahme dagegen lässt bei mir aus den erwähnten Gründen troz allem eine ganz leichte Unzufriedenheit zurück. Naja, meine persönliche Meinung.