Mich hat das wunderschöne Cover der gebundenen Ausgabe dazu animiert, das Buch zu kaufen, und ich persönlich muss sagen, dass definitiv etwas anderes drin war, als erwartet. Im positiven Sinn.
Worum geht's?
Die Füße einer vormals aktiven jungen Frau - Ida - werden langsam aber sicher zu Glas. Hilfe erhofft sie sich von dem seltsamen Henry Fuwa, der in den Sümpfen von St.Haudas lebt und dort eine sehr eigenartige Rinderherde hütet. Beim Versuch, diesen Mann zu finden, stößt Ida auf den verschlossenen Midas, einen Mann dessen Leben die Fotografie ist.
Die Insel, auf der das Buch spielt, ist märchenhaft und phantastisch. Menschen, die zu Glas werden. Kleine Kühe mit Schmetterlingsflügeln. Ein Friedhof bunter Quallen. Weiße Libellen. Ein seltsames Tier, das allem, was es anschaut, die Farbe entzieht.
Klingt das nach Fantasy? Ja, aber Fantasy sollte man nicht erwarten in diesem Buch.
Das Buch handelt von Menschen und lebt von einem Geflecht aus Beziehungen, denn St. Hauda ist klein, da kennt jeder jeden und viele Menschen haben Verbindungspunkte in ihrer Vergangenheit. So ist Vergangenheit ein großes Thema; es gibt viele Rückblenden. Z.B. wird Midas' Eltern sehr viel Aufmerksamkeit gewidmet. Deren Geschichte ist ohne jede körperliche Gewalt mit das Grausamste, was ich seit längerem gelesen habe, und der Eindruck wird noch schlimmer, sobald man die ganzen Hintergründe versteht. Vieles in diesem Buch ist tragisch, und umso tragischer, weil es nicht hätte tragisch sein müssen, wenn die Menschen nur aus ihrer Haut könnten.
Eine sehr sorgfältige Figurenzeichnung ist das Resultat dieser Beziehungsgeflechte. Mir ist ein wenig unklar, warum in manchen Rezensionen (auf amazon.com) die Figuren als flach bezeichnet werden, ich persönlich habe selten eine so gute Charakterisierung derart schwieriger Figuren gelesen. Ali Shaw macht es sich mit keiner Figur leicht.
Heraus kommen ganz eigenwillige, menschliche, komische und liebenswerte Persönlichkeiten, die man für ihre Unfähigkeiten schütteln möchte, wie man es sich sonst nur bei sich selbst wünscht.
Durch die ausführliche Charakterisierung büßt die Geschichte natürlich stark an Tempo ein. Oft fand ich es etwas lästig, über andere Figuren lesen zu *müssen*, wenn ich doch überwiegend wissen wollte, wie es mit Ida und Midas weitergeht. Letztlich fügt sich aber alles zu einem stimmigen Bild zusammen.
Die Geschichte ist ruhig erzählt, auf Action oder rasante Plottwists kann man lange warten, aber darum geht es auch nicht. Die Landschaftsbeschreibungen fand ich persönlich etwas zu ausführlich, da habe ich mich schnell beim Querlesen erwischt. Das ist wohl auch Geschmacksache. Trotzdem war ich an die Seiten gefesselt und habe das Buch, wenn auch nicht rasch durchgelesen, doch zumindest die ganze Zeit über im Kopf gehabt.
Auch sprachlich ist das Buch eine Bereicherung, allerdings nicht unbedingt geeignet als ersten Versuch mit englischen Büchern. Der Autor nutzt das Potential der englischen Sprache, dadurch ist es sehr stark, aber auch nicht ganz anspruchslos.
Fazit: Eine melanchonische Geschichte von einer Frau, die zu Glas wird, einem Mann, der lebendig wird, und einer Insel, auf der das längst nicht das Ungewöhnlichste ist.
Die Leserin schmilzt dahin.