Springsteen hat natürlich nicht einfach den John Steinbeck Roman "Früchte des Zorns" vertont, in dem die Figur Tom Joad und dessen Familie zentral vorkommt, aber man würde, wenn man den Roman kennt, Springsteens Ende 1995 veröffentlichtes Album auch ohne die Erwähnung des Namens Tom Joad in die Nähe des Steinbeck Romans rücken.
In Steinbecks Buch, wie auf Springsteens Platte, stehen die Menschen im Schatten, die Verlierer des viel beschworenen Amarican way of life im Mittelpunkt.
Sicherlich, auch bei anderen Springsteen Produktionen wird nicht das Leben der Reichen und Schönen besungen, keines seiner Alben eignet sich als Yuppie-Lifestyle-Soundtrack, aber auf "The ghost of Tom Joad" liefern Schatten und Scheitern ausschließlich den Stoff für die Geschichten, die die Lieder erzählen.
So wurde das Album in seiner Stille und Intensität eine würdige Fortsetzung des eher zufällig entstandenen Klassikers "Nebraska" aus 1982.
Darin liegt klanglich auch der große Unterschied. "Nebraska", an einem Tag allein zuhaus im Schlafzimmer eingespielt, um für die Vorbereitungen des nächsten Band-Albums Demos für die anderen Musiker anzufertigen (und dann für zu gut befunden und nahezu unverändert als Album genauso veröffentlicht), ist so großartig, weil es unperfekt ist.
"The ghost of..." entstand gewollt und vorbereitet. Ähnlich in der Grundstimmung, ist es bei aller Stille doch durcharrangiert und mit vielen kleinen Nuancen verfeinert. Das macht es allerdings weder besser noch schlechter als das '82er Album, nur anders.
Weit nach hinten legte E-Street-Band Pianist Danny Federici bei den meisten der zwölf Songs eine weiche Keyboard-Fläche, die man weniger hört als fühlt und unterstützt so Springsteens meist gebrochenen Gesang und die wie beiläufig gespielte akustische Gitarre. Die Songs erzeugen eine fesselnde Atmosphäre in der man gelegentlich erwägt selbst das Atmen zu unterlassen, um ja nicht zu stören.
Die Songs funktionieren fast ausschließlich nur im Kontext des gesamten Albums. Ein Lied einzeln herauszunehmen ist daher wenig ratsam. Lediglich "Youngstown", der einzige Song des Albums mit etwas Dynamik, wurde bei der 2000er Tour zu einem amtlichen Rocksong aufgeblasen. Nach zu hören auf "Live in New York City".
Ein Meisterwerk in Springsteens Schaffen und insgesamt zu wenig beachtet und gewürdigt - nachholen!