"The Fullness of Time" sind knapp 60 Minuten prächtigen Progressive Power Metals mit Fates Warning-Jahrhundertstimme Ray Alder als Aushängeschild. Hinter großen Namen muss sich der Kopf der Band, Gitarrist Nick Van Dyk, allerdings spätestens bei seinem zweiten Album nicht mehr verstecken. Gegenüber dem selbstbetitelten Debüt von 2003 hat Redemption, inzwischen von einem 'Projekt' zur Band mit festem Lineup gereift, in fast allen Bereichen zugelegt. Die instrumentalen Darbietungen dringen in überirdische Gefilde vor; die Produktion ist endlich medaillenreif; und vor allem hat sich im 2003 noch etwas unausgeglichenen Songwriting eine herausragende Qualität mit überzeugenden Strukturen irgendwo zwischen progressiv komplex und ohrwurmartig eingängig breit gemacht. Mit dabei sind auch Fates Warning-Livegitarrist Bernie Versailles und mit Chris Quirarte und James Sherwood Drummer und Basser der US-Prog-Metaller Prymary.
Die hervorstechende Marschrichtung des Albums ist weniger Prog Rock als vielmehr waschechter, straighter Heavy Metal, der allerdings durchweg in überaus ansprechenden und anspruchsvollen, komplexen Strukturen voll von edlen Rhythmuswechseln umgesetzt wird. Schwerste Heavy-Riffs erstrahlen in rhythmisch ausgeklügelten Strukturen, so dass jedem Prog-Liebhaber, der es auf die härtere Tour wie zum Beispiel auf Dream Theaters "Train of Thought" oder Fates Warnings „FWX" mag, das Herz aufgehen sollte. Es kommen schon ganz gewaltige Gitarren- und Double Bass-Donnerwetter vor; zugleich fehlt aber auch niemals das gekonnt eingesetzte Break an genau der richtigen Stelle. Allrounder Nick Van Dyk hat auch die Keyboards eingespielt, die sich auf schmückendes, aber gekonntes Piano-Beiwerk, wohl dosierte und nicht übertriebene Klangteppiche zur dramatischen Untermalung und ein paar wenige, aber gekonnte Doppelsoli mit den Gitarren beschränken - insgesamt bleibt "The Fullness of Time" aber ganz klar gitarrenlastig.
Brecher wie der Opener THREADS oder SCARRED verbinden gekonnt düstere Metalatmosphäre mit eingängigen Refrains. An Fates Warnings "Inside Out"-Album erinnern zuweilen die bannenden Atmosphären von PARKER'S EYES, das zugleich einen grandiosen Instrumentalpart mit groovenden, von Breaks durchsetzten Läufen und großartigen Soli zwischen großem Gefühl und hoher Geschwindigkeit aufbietet. Die in vier Einzelsongs unterteilte Sequenz THE FULLNESS OF TIME kommt größtenteils melodiegetragener daher und erinnert mit brachialen Hits in RAGE, Klavier-E-Gitarren-Passagen sowie einem angedeuteten Kanon in TRANSCENDENCE und erhabenen Melodien in den Refrains an Savatage zu ihren besten Zeiten. Das Intro von RELEASE und vor allem aber das von DESPAIR mit seiner beinahe erdrückenden und zugleich wunderschönen, unter die Haut gehenden Melancholie ruft einige glanzvolle Stellen auf Fates Warnings "A Pleasant Shade of Gray" ins Gedächtnis. Herzstück des Albums ist der 16-Minüter SAPPHIRE. Die herrliche Komposition bietet alles von melancholischen Clean Guitar-Parts bis hin zu expressiven, fesselnden Atmosphären und besticht durch grandios ineinander verschachtelte verschiedenste Gesangs- und Instrumentalpassagen mit packenden Energieentwicklungen zwischen zerbrechlich melancholischen Stellen und hochdramatischen Harmonien und Melodien von der ersten bis zur letzten Sekunde. Nicht nur das Songwriting steht hier auf einer Stufe mit Fates Warning-Perlen wie "Still Remains" - und das ist ein selten zu verteilendes Kompliment - auch die Lyrics über eine hoffnungslose Liebe und die betrübenden Gedanken über Vergangenheit und Zukunft rufen beim intensiven Hören Gänsehaut hervor.
Insgesamt ist das deutlich gereifte Album "The Fullness of Time" nach dem ersten, "nur" sehr guten Redemption-Album eine Riesenüberraschung - packende Prog-Perlen mit harter Metal-Schlagseite, düsteren, unwiderstehlich fesselnden Atmosphären und erhabenen, überirdischen Refrains ohne eine einzige Sekunde Ausfallzeit, das Ganze veredelt durch Ray Alders heilsame Stimme, die wahrlich in einer anderen Welt zu Hause ist. Für Fates Warning-Anhänger, die Alders Gesang auch in straighteren Umgebungen wie dessen Projekt Engine mögen, ist das Album ein Pflichtkauf - vielleicht sogar eine der überzeugendsten Prog Metal-Scheiben der letzten Jahre.