In den USA sieht eine Mehrheit Straftäter weniger als interessante Menschen und Studienobjekte für Betreuung und Erziehung, sondern in erster Linie als eine Bedrohung für das nächste Opfer. Opferschutz genießt eindeutig Vorrang. So erklärt sich auch ein staatliches Programm, welches Sexualstraftäter kontinuierlich überwachen lässt und Daten über solche Straftäter öffentlich (auf einer Website) jedermann zur Verfügung stellt.
Regisseur Wai-keung Lau vertritt in seinem Film "The Flock - dunkle Triebe" von 2007 weder die dumpfe Sicht wutblinder Selbstjustiz-Anhänger à la Bruce Willis oder Charles Bronson noch die unsägliche "deutsche" Mode der Täter-Verhätschelung mit Resozialisierungs-Reitkursen auf den Kanaren.
Der kurz vor der Pensionierung stehende staatliche Betreuer von perv*rsen Gewalttätern (Richard Gere, damals 58) versucht die Quadratur des Kreises: Er setzt sich mit ganzer Kraft und erheblicher Raffinesse dafür ein, in seinen verbleibenden 18 Diensttagen die noch unbelastet freundliche und positive Kollegin und Nachfolgerin Allison Lowry (Claire Danes, damals 28) mit der ganzen Härte der Realität zu konfrontieren - ohne sie so zu beschädigen, dass sie den Job hinwirft.
Dabei erliegt der nur scheinbar freundlich-beherrschte alte Haudegen schon selbst mal dem Leidensdruck - er verprügelt anonym einen "Kunden", dem das Quälen von Frauen, wie er gerne zugibt, besonderes Vergnügen bereitet. Die junge Kollegin hingegen - ganz "ordentliche" Idealistin - möchte anfangs überhaupt nichts davon wissen, ob ihre Straftäter gerade wieder dabei sind, Hackfleisch aus Menschen zu machen, weil das nicht auf ihrer Agenda steht.
Erroll Babbage legt seinen polizeiähnlichen Job - die Kontrolle gewaltbereiter Sexualstraftäter - nicht freiwillig schon mit 58 Jahren nieder. Eine "Arbeitsgruppe" solcher Gewalttäter hat gegen seine schon mehr polizeiliche und "nervende" Ermittlungstätigkeit Beschwerde eingelegt. Erroll genießt keine Rückendeckung, weil man in Behörden und Firmen überall auf der Welt schnell zum lästigen Außenseiter wird, wenn man mehr tut, als unbedingt notwendig ist.
Seine Nachfolgerin Allison Lowry hat er aus vielen Bewerbern selbst ausgesucht: sie kennt aus ihrer eigenen Familie die Traumata, die ein gewalttätiger Mensch bei seinen unschuldigen Opfern verursacht. Aber Allison geht es trotzdem zunächst wie vielen "normalen" Menschen: sie sieht nur die freundliche Alltagsmaske der "Kund(inn)en" und findet die Hartnäckigkeit ihres Partners überzogen. Sie verweigert die Feststellung von Folterspuren an einem Opfer (Pech für Avril Lavigne - Fans) und rügt Nachforschungen, die über ihren normalen Arbeitsrahmen hinausgehen. Vor allem aber kann sie nicht verstehen, dass Erroll geradezu besessen davon ist, eine vor kurzem entführte junge Frau vielleicht noch lebend zu deren Eltern zurück zu bringen.
In der anfänglichen Mentalität Allisons und ihres Chefs tritt der ganze Zynismus des Sozialapparats zu Tage: Man lebt ja schließlich von den Tätern. Sie sind die Kunden - je mehr, desto besser. Wer die Verrücktheit begeht, Opfer zu vermeiden, sägt an der Einkommensquelle. Dafür gibt es schließlich auch nirgendwo auf der Welt zuständige Stellen. Man handelt nach der Tat. Bei Wiederholungstätern eben x-mal nach der Tat. Wer braucht schon Prävention? Es wird ja hoffentlich wieder mal nur andere erwischen.
Doch nichts ist brutaler und unmenschlicher als perv*rse Gewalt.
So wie die junge Beamtin werden auch die Zuschauer sacht, Stufe für Stufe, in den Abgrund der perv*rsen Szene hinuntergeführt. Das bewahrt einen nicht davor, Dimensionen des Leidens und Grauens zu erfahren, die immer wieder über das hinausgehen, was man für möglich gehalten hätte. Ja, diejenigen, die darauf hinweisen, dass der Film lobenswerterweise auf unnötige Gemetzel verzichtet, haben Recht - aber manchmal sind nüchterne statistische Zahlen oder eine Wandkarte mit den Markierungen der unzähligen Opfer auch schon ziemlich harte Kost - zumindest, wenn man mitdenkt und genügend Phantasie aufbringt, Menschen hinter den Stecknadeln zu sehen. Ähnliches gilt für die Reste zermetzelter Menschen in einem Werk-Keller.
Gerade in Deutschland werden nach meiner Erfahrung viele die Tendenz des Films ablehnen - wen kümmern bei uns schon die Opfer, die Täter sind interessant. Auch mancher Kritiker hätte "gerne noch mehr über die psychische Situation der Täter erfahren", wie man hier nachlesen kann. Von den Opfern bleiben ja eh nur Knochenhaufen in der Wüste.
Wir haben bereits in westlichen Industriestaaten ausgeprägte Tätergesellschaften. Vom jugendlichen Gewalttäter bis zum verbrecherischen Bänker (Dr. No...) bleiben immer mehr Täter praktisch ungestraft und lehren die anderen damit, wie sehr sich Taten doch lohnen.
Die Essenz des Films hebt sich von diesen asozialen Abgründen betont ab. Sie wird fokussiert in den Schlussszenen deutlich: Auch die einst so "etepetete" Kollegin bringt endlich die lüsterne Massenmörderin mal rabiat zum Schweigen. Aber sie bewahrt auch ihrem Senior-Partner die Integrität - in einem Moment, in welchem mancher Selbstjustiz verstanden hätte: es ist es nicht Wert, auch nicht für die Unschädlichmachung eines keine Gnade verdienenden Unmenschen, die eigene Ethik zu opfern.
Wer Richard Gere nur als Gentleman und Charmeur kennt, hat nicht allzu viele Filme mit ihm gesehen. Ob in "Gnadenlos" oder in "Untreu" - er spielte schön häufiger Figuren, die ihre eigenen Maßstäbe an ihr Handeln anlegen. Noch nie aber hat er mich so überzeugt wie in dieser reifen Rolle. Die brüchige Synchronstimme passt perfekt zur Rolle. Auch Claire Danes weiß zu überzeugen in ihrem Wandel von der zittrigen Blauäugigen zur entschlossenen Realistin mit Augenmaß. Russel Sams kommt als zynischer Sadist ebenso wie die perfekt sich verstellende Viola (KaDee Strickland, 31) wie ein Albtraum über den Zuschauer. Avril Lavigne spielt eine kleine Rolle als Schläger-Opfer eines der Kunden - natürlich sieht sie dabei dennoch gut aus.
Ich habe den Film zwei Tage später nochmals auf großer Leinwand angeschaut und danach meine Bewertung auf 5 Sterne erhöht. Die fantastischen Bilder um die Santa-Fe Linie in Neu-Mexiko verleihen zusammen mit der dezenten Farbigkeit, überleuchtenden Szenen und der packenden Rhythmik des Schnitts eine unheimliche Atmosphäre und bilden das optische Skelett der Erzählung. Den Film aufgrund der Computer-Schnitt-Technik in die Nähe von Musikvideos zu rücken, ist genauso unangemessen wie es das bei "Minority-Report" wäre. Man muss schon ein wenig Stilmittel und Dramaturgie zusammen sehen - mit dünnen Serienkrimis à la C.S.I. kann man diesen Stoff nun wirklich nicht vergleichen.
Auf einem kleinen Flat Screen wirkt das bei weitem nicht so, wer die Wahl hat, sollte sich diesen Film auf großer Leinwand anschauen. Ein Jammer, dass so ein Spitzenfilm in Deutschland nicht in die Kinos gekommen ist, dabei würde er sich wegen seiner Message und seiner optischen Qualitäten für Programmkinos geradezu aufdrängen.
Richard Gere hat sich mit diesem Meisterwerk ein großartiges Denkmal gesetzt. Aber komplexe Stoffe wie "The Flock" erfordern eine hohe Auffassungsgabe und Konzentration - ich habe gerade eine "Profi"-Kritik gelesen, deren Verfasser weder die Handlung noch die Hintergründe verstanden hat. Es ist immer wieder erstaunlich, dass Menschen, die raffinierte Inszenierungen einfach nicht verstehen, ausgerechnet die Filme für minderwertig halten. Intelligenten Filmfreunden jedenfalls kann man diesen realistischen, vorzüglichen, spannenden und tiefgründigen Filmgenuss aus den USA(!) nur empfehlen - für den Rezensenten einer der beeindruckendsten Filme, die er je gesehen hat.
Im Original 105 min. auf 35 mm 2,35:1 (IMDB)
film-jury 5* A0285 7.12.2010eg
"Alle zwei Minuten wird in den USA eine Frau oder ein Kind Opfer eines Sexualverbrechers."