Omar Naims Film "The Final Cut" aus dem Jahre 2004 (Regie und Drehbuch) ist sicherlich als Thriller nicht besonders packend, denn eigentlich gibt es für den Zuschauer keine überraschenden Momente, und der Regisseur verzichtet auch fast gänzlich auf Actionmomente. Dennoch hat mir der Film gut gefallen, und warum das so ist, möchte ich im folgenden kurz darlegen.
Naim entwirft eine Gesellschaft in der nahen Zukunft, in der es den Menschen möglich ist, ihren Kindern schon vor der Geburt einen Mikrochip ins Gehirn transplantieren zu lassen, der ihre Erinnerungen lückenlos auf eine Video- und Audiodatei aufzeichnet. Nach dem Tod des jeweiligen Menschen wird dann von einem Cutter auf der Grundlage der aufgezeichneten Daten ein Film zusammengestellt, der bei der Beerdigungszeremonie den Hinterbliebenen gezeigt wird. Natürlich trifft diese neue Technologie nicht bei allen Zeitgenossen auf Gegenliebe, und manche der ungefragt mit diesem Chip ausgestatteten Menschen lassen sich sogar mit einer speziellen Tätowierung versehen, die durch elektromagnetische Strahlung den Chip funktionsunfähig macht.
Alan Hakman (Robin Williams) ist der beste Mann der Cutterzunft, und als er eines Tages den Auftrag bekommt, aus den Erinnerungen Charles Bannisters, des verstorbenen Firmengründer von "Zoe Technologies", der Firma, die diesen Chip vertreibt, einen Film zusammenzuschneiden, ruft dies Fletcher (James Caviezel), einen ehemaligen Cutter, auf den Plan, der an das Material kommen will, um die schmutzigen Details im Leben Bannisters zu veröffentlichen und so der Firma "Zoe Technologies" den Todesstoß zu versetzen. Da die Geschichte selbst wenig überraschende Wendungen hat, macht es mehr Sinn, "The Final Cut" als Charakterstudie Hakmans und als Frage danach, wie weit die moderne Technik gehen darf, zu sehen.
Hakman wird dargestellt als ein Mann, der über seine extensive Beschäftigung mit dem Leben anderer Menschen vergißt, ein eigenes Leben zu führen, was sich unter anderem in der Leere seiner Wohnung als auch der Kargheit des Mienenspiels Williams' - hier wie in "Insomnia" ist Williams ein exzellenter Charakterdarsteller, der viel zu lange in Komödien sein schauspielerisches Licht unter den Scheffel gestellt hat - zeigt. Unter einem dunklen Geheimnis aus der Zeit seiner Kindheit leidend, lebt er im Glauben, dereinst ein anderes Kind zu einer gefährlichen Mutprobe verführt zu haben und an seinem Tode schuldig zu sein. Nach dem frühen Tode seiner Eltern ist sein Privatleben fast menschenleer - bis auf die Buchhändlerin Delila (Mira Sorvino), die er in den Erinnerungen eines "Klienten" gesehen und dann bewußt "kennengelernt" hat, und auch diese läßt er nur zögerlich in sein Leben eintreten. Hakman betrachtet sich als "Sündenträger", wenn er beinahe mechanisch das Leben seiner Verstorbenen auf der Suche nach rührenden und ihnen zur Ehre gereichenden Momenten durchforstet, dabei aber dunkle Kapitel wie häusliche Gewalt, Mißbrauch und Verbrechen ohne ein Wimpernzucken löscht. Heraus kommt ein gleisnerisches "Best of", wie wir es von gewöhnlichen Leichenreden kennen, nur daß Hakmans Werk durch seine Visualität um eines Vielfaches intensiver und scheinbar auch authentischer ist.
Die Mikrochiptechnologie stellt allerdings einen weitreichenden Eingriff in die Intimsphäre seines Trägers wie auch die seiner Mitmenschen dar, weiß doch niemand so genau, ob nicht dem jeweiligen Gegenüber solch ein Chip eingepflanzt wurde. Geschildert wird beispielsweise der Fall einer jungen Frau, die bis zu ihrem 21. Lebensjahr ein recht unstetes, hedonistisches Leben führte, dann aber - als sie die Wahrheit über sich und ihren Chip erfuhr - eine Kehrtwendung in Richtung gesellschaftlicher Angepaßtheit durchmachte, bis sie eines Tages kopfüber von einem Balkon sprang und so den Chip absichtlich zerstörte.
Naims Film bezieht indes nicht eindeutig Stellung gegen diese Technologie, sondern zeigt sie in einer gewissen Ambiguität, denn nur durch Ansehen seines eigenen Chips, von dem er durch einen Zufall erfährt, gelingt es Hakman, sich von den Schuldgefühlen, die ihn seit seiner Kindheit verfolgten, zu befreien, indem er seine subjektiv verfälschten Erinnerungen durch die Erzählung des Films in seinem Kopf berichtigt. Auch wird die Möglichkeit angedeutet, Bannisters Mißbrauch an seiner Tochter an die Öffentlichkeit zu bringen, von der Hakman jedoch keinen Gebrauch macht, da er dafür zu sehr in seiner verkrusteten Professionalität gefangen ist. Fast scheint es, als versuche sich Hakman für sein Handeln in der Kindheit zu bestrafen, indem er sich mehr und mehr mit den Verbrechen und finsteren Geheimnissen in den Viten seiner "Klienten" belädt, ohne sie nach außen dringen zu lassen.
Ein anderes Thema des Filmes ist denn auch der Umgang mit Schuld. Während Hakman sich, durch eigene Schuldgefühle getrieben, zum Komplizen und Mitwisser der Schuld anderer Menschen macht, sucht Fletcher die Schuld Bannisters zu instrumentalisieren, um der von ihm und seinen Mitstreitern abgelehnten Technologie des Erinnerungschips ein Bein zu stellen. Man mag sich an dieser Stelle gar nicht vorstellen, welche Möglichkeiten Regierungen in einem solchen Chip sähen, die von ihnen beherrschten Individuen unter ihrer Kontrolle zu halten. Als am Ende der Chip Bannisters zerstört wird, sagt die Witwe, die um den Mißbrauch ihrer Tochter weiß, zudem erleichtert, daß es wohl besser sei, manche Dinge zu vergessen, und ihre Tochter, die gerade von der Schule gekommen ist und sie dabei hört, rennt daraufhin vor ihrer Mutter weg - ein weiteres Indiz dafür, daß Naim seinen Zuschauern keine vorgefertigte Moral aus diesem Film präsentieren möchte.
Naims Idee ist zweifellos originell und - angesichts der immer weiter um sich greifenden Zersetzung unserer Privatsphäre - auch dazu angetan, uns nachdenklich zu stimmen, doch hapert es ein wenig bei ihrer Einbettung in eine stringente und interessante Geschichte. So erscheint es mir als unwahrscheinlich, daß Eltern sich dazu entscheiden könnten, ein halbes Vermögen für solch einen Chip auszugeben, von dem weder ihr Kind noch - in den meisten Fällen - sie selbst etwas haben dürften. Auch halte ich es für arg an den Haaren herbeigezogen, daß Hakman wirklich in einem fünfzigjährigen Mann, den er nur kurz in der Erinnerung Bannisters sieht, das Kind wiedererkennen könnte, daß er vor vielen Jahren scheinbar zu Tode gebracht hat.
Neben Williams hervorragender schauspielerischen Darbietung haben es die anderen Darsteller sehr schwer, und besonders Caviezel scheint sich einfach für Zurückhaltung zu entscheiden, was den Film in diesem Zusammenhang etwas blaß erscheinen läßt.
Insgesamt macht "The Final Cut" neugierig auf weitere Werke Omar Naims, der sein Potential noch nicht völlig ausgeschöpft zu haben scheint.