"The Fiancée" ist wohl eines der ausgefallensten Alben, das mir diesen Monat in die Hände gerät. Es erblickte zwar bereits Mitte April das grelle Licht der Musikwelt, sollte aber auch drei Wochen später unbedingt nochmal in das Bewusstsein der Freunde harter und abgefahrener Mucke gerufen werden. Das Lineup hat sich seit dem letzten Release geändert, was dem Ergebnis aber erfrischend gut tut. Dieser Ansicht ist nicht nur Schreibacke Josh Scogin, sondern es steht den neun Songs deutlich ins Gesicht geschrieben. Die Tatsache, dass "The Fiancée" genreuntypisch live eingespielt wurde, ist auf Grund der Sauberkeit, mit der es eingedroschen wurde und der ich hohen Respekt zolle, nicht wirklich hörbar, dafür schlägt sich dieser Umstand aber um so mehr positiv im Feeling nieder, wenn man das Album mit den Veröffentlichungen musikalisch ähnlicher Bands vergleicht. Für diejenigen, die sich nicht so ganz vorstellen können, was The Chariot an ihren Instrumenten anstellen, sei ihr Schaffen kurz als experimenteller Metalcore vorgestellt - entfernt von Genrestandards, weitab von Festgefahrenheit und Popcharakter, dennoch jugendlich erfrischend.
"The Fiancée" startet mit einem Trommelwirbel, Schreien und dem dazugehörigen eineinhalbminütigen 'Back To Back', das irgendwo wuchtig zwischen Korn, Hatebreed, Doom und Chaos liegt. Bei 'They Faced Each Other' zeigen uns die Südstaatler, dass sie nicht nur auf vertrackte Beats, sondern ebenso auf schräge Harmonien stehen. Motörhead-Riffs treffen hier auf Endzeitstimmung und mörderischen Chaoscore. 'They Drew Their Swords' ist für Bandverhältnisse zumindest zu Beginn fast schon poppig. Jedoch bevor jemand anfangen sollte, flockigen Postcore zu schnuppern, wird die Doom- und Noisewalze ausgepackt und jegliche Illusion ist schnell aus der Welt geschafft. 'And Shot Each Other' ist als Vierminüter zusammen mit dem letzten, über sechs Minuten andauernden Song 'Forgive Me Nashville' das längste Stück der Platte, ist aber definitiv ein Anspieltipp meinerseits. Mit illustren Weltuntergangssamples aus 20er- und Chormusik und einer abgedrehten Songstruktur schafft es der Track, das Hirn des Zuhörers vollkommen zu flashen. Dass das gesamte Album nur knapp eine halbe Stunde lang ist, finde ich etwas schade, dafür ist es aber auch weitestgehend frei von Schrott, was die Empfehlung erleichtert.