Auf ihrem Debüt The Fame lebte Lady Gaga noch in einer trashigen Europop-Blase und wirkte wie ein künstliches Retortenbaby, dessen eng begrenzte Lebenszeit als One-Hit-Wonder sich bald auch schon wieder dem Ende neigt. Auf der Zusatz-EP The Fame Monster spinnt sie jedoch ihr begonnenes Idiom einer transzendenten Ikone weiter. Sie verkörpert all das, was die Fans gängiger Popmusik in einer Welt voller Casting-Stars und Reality-Shows nicht mehr bekommen. Eine unnahbare und wandlungsfähige Popikone, die ihr Image ikonografisch in ständiger Metamorphose selbst verzerrt. In ihren Videos tanzt sie steril wie eine Marionette, die fremdgesteuert an Fäden in Form eines vom Popbusiness geschundenen Vehikels im Robotdance über den Bildschirm geistert. Ähnlich einer künstlichen Schaufensterpuppe, die sich aus einer Designerboutique auf die Musikbühne verirrt hat. Als ob sie die ganzen Britneys und Mileys des Popsternchenhimmels karikiert, deren Wohl und Wehe am Tropf des Musikbusiness hängt. Fasst man Lady Gaga als eine Kunstfigur auf, kann man einen Zugang zu dieser Musik finden, die nichts weiter macht, als Popmusik der Vergangenheit in einer hoffnungslosen Affinität zu Retrosounds neu aufleben zu lassen. Mosaikartig nimmt sie einzelne Rezepte, schmeckt diese auf ihre Qualität ab und modifiziert sie ein wenig. Auf The Fame Monster ist Lady Gagas Musik ausgereifter geworden. Sie ist jetzt subtiler, ihre Musik ist sorgfältiger und breiter selektiert. "Bad Romance" hat die markanten Hooks, die so typisch für den 90er Europop waren und die gebadet in 80er Synthie-Pop-Clash-Linien im Refrain stratosphärisch davon schweben. "Alejandro" ist astreiner Schweden-Pop zum Mitsummen und steht in bester Tradition zu den Hymnen von Ace Of Base aus den frühen 90ern. "Monster" könnte ein später Kylie-Song sein. Das fetzige "Teeth" hat den genialen Groove von Christina Aguileras "Can't hold us down". "So happy I could die" kopiert die 90er Madonna und Freddie Mercury wird als Great Pretender auf "Speechless" von den Toten erweckt. So schlüpft Lady Gaga auf der Monster EP in all diese Rollen und kanalisiert den schon existierenden Pop-Fundus in sich. All das, was an der aktuellen Popmusik nervt, lässt diese Kunstfigur dabei geschickt außen vor. Sie ist kein It-Girl wie Lindsay Lohan. Sie pfeift auf den Lifestyle mit samt seinen aalglatten Schönheitsidealen. Sie disst keine Leute wie Kanye West. Sie führt ihr Privatleben nicht in der Musik vor, wie Eminem dies tut. Die nervigen Beats von Timbaland wird man auf diesem Album auch nicht finden. Sie gibt nicht ihre Persönlichkeit preis, wie Casting-Stars zwangsläufig dazu verdammt sind. In einer Zeit, wo jeder seine Intimität öffentlich zur Schau stellt, entwirft sie das Gegenbild eines androgynen Chamäleons, das seine Gestalt nach Belieben bis ins Unnahbare wandeln kann. Die Kunstfigur Lady Gaga gibt der Popmusik das wieder, was sie braucht, wovon Pop immer lebte und was Casting-Stars eben nicht verkörpern können: Eine polarisierende und schlüpfrige Stilikone, die sich von allen anderen abhebt.