Dieser Doppelband von Dan Simmons fasst seine Romane "Hyperion" und "Fall of Hyperion" in einem Buch zusammen. Die beiden Werke gehören inhaltlich so eng zusammen, dass man besser von einem Roman in zwei Teilen sprechen sollte. Der erste Teil beschreibt die Reise einer Pilgergruppe auf den Planeten Hyperion zum Tal des Shrike, einem scheinbar übernatürlichen Dämon aus Stahl, von dem sich die Pilger in ein oder anderer Form Erlösung erhoffen und dabei auch den Tod erwarten. Unterwegs erzählen sie einander ihre Lebensgeschichten, die sie jeweils zu dieser Reise bewegt haben. Diese Geschichten machen den Großteil aus. Die Rahmenhandlung der Reise ist eher kurz, wir erfahren aber dass sich nebenher ein Krieg und allerlei Unheil zusammenbraut, interessante Zeiten eben. Der erste Roman endet mit der Ankunft im Tal des Shrike. Im zweiten Teil erfahren wir dann wie es den Reisenden ergeht, wie der Krieg ausbricht und ausgeht, und was es mit dem Shrike eigentlich auf sich hat.
Die Geschichte hat viel Lob erhalten, von daher bin ich mit einer gewissen Erwartung an das Buch herangegangen. Vielleicht waren meine Erwartungen zu groß, ich finde das Buch etwas enttäuschend. Die Qualität ist sehr durchwachsen: manche der Lebensgeschichten sind sehr gut und hätten ausgezeichnete Kurzgeschichten abgegeben, und die albtraumartig surrealen Begegnungen mit dem Shrike sind lesenswert. Vieles dagegen ist langweiliges Füllmaterial. Der erste Teil wirkt, als hätte der Autor ein paar gute SF-Ideen gehabt, die aber nicht für einen ganzen Roman reichten. Also hat er lieblos etwas drumherumgezimmert, um alles unter einen Hut zu bringen.
Im zweiten Teil geht es dann rapide bergab. Hier gibt es keine kompakten Kurzgeschichten mehr, sondern die Rahmenhandlung wird weitergeführt. Zwar passiert wohl einiges, aber das erfahren wir meist nur indirekt aus Einsatzbesprechungen der Generäle. Stattdessen gibt es sehr viel dröges Herumreisen, lange Erörterungen über Simmons Lieblingsthemen, und jede Menge Rückblenden auf den ersten Teil. Erst gegen Ende wird es wieder interessant, wenn die Handlungsstränge zusammenlaufen und wir direkt an wichtigen Ereignissen teilhaben dürfen. Ein Lichtblick ist auch die Kritik an der Abhängigkeit der Menschen von ihren Kommunikationsmaschinen, stellenweise nimmt das gut zwanzig Jahre alte Buch die heutige Handy- und Internet-Gesellschaft vorweg (manches ist auch von den damals aktuellen Cyberpunk-Romanen abgekupfert, aber immerhin wird Gibson explizit erwähnt). Insgesamt habe ich jedoch den Eindruck, man hätte den zweiten Teil problemlos auf maximal hundert Seiten für ein echtes Ende des ersten Teils reduzieren können. Aber dann hätte man damals natürlich nur ein Buch verkauft statt zwei.
Auf der Rückseite des Buchs vergleichen Rezensionszitate namhafter Zeitungen das Hyperion-Universum mit Herberts Dune und Asimovs Foundation. Das ist meiner Meinung nach unangemessen. Sicher, Simmons Welt liegt fast tausend Jahre in der Zukunft und die Menschen besiedeln Tausende von Planeten. Da hat sich viel getan mit der Menschheit, sollte man meinen. Simmons deutet auch gerne entsprechendes an, aber mir kommt seine Welt eher vor wie eine gemalte Theaterkulisse, wo man besser nicht zu genau hinschaut, weil sie dann unglaubwürdig wird. So ist beispielsweise das Christentum zu einem aussterbenden kleinen Kult verkümmert, während futuristische Versionen von Islam und Zen dominieren. Über diese großen Religionen erfahren wir aber praktisch nichts, sie scheinen die Lebensweise der Menschen nicht zu beeinflussen. So geht es mit vielen Elementen in Simmons Universum: Der Autor stellt sie schlagwortartig in den Raum um zu zeigen, wie groß und exotisch alles ist, aber er unternimmt dann keinen Versuch, die Elemente zu einem homogenen Ganzen zu verknüpfen und die Auswirkungen aufeinander zu beschreiben.
In vielem ist das Universum schlicht stehengeblieben und stark vereinfacht. Alle sprechen heutiges Englisch. Ein Charakter etwa stammt in gewisser Weise aus dem England des frühen 19. Jahrhunderts. Er kann sich normal mit allen unterhalten, sein dann in der Zukunft über tausend Jahre altes Englisch ist allen verständlich, nur einen seltsamen Akzent habe er. Weiterhin bringt Simmons gerne Kunst und Kultur zur Sprache, aber es geht nur um das, was wir heute schon kennen. Die Leute kennen den Zauberer von Oz, Peter Pan, den Nussknacker, Rachmaninov und Van Gogh. Wir erfahren zwar, dass Hitler weitgehend in Vergessenheit geraten ist und unsere heutigen Staaten den wenigsten ein Begriff sind. Über den Rest des Buchs haut uns Simmons dann aber inkonsequenterweise ständig Lincoln, Churchill und andere alte Bekannte um die Ohren. Sind all diese Dinge in tausend Jahren wirklich noch sooo wichtig, passiert dazwischen nichts, was für die Menschen wichtiger und naheliegender ist?
Zu Simmons Verteidigung muss man sagen, dass die Stagnation seiner Zivilisation ein wichtiges Thema für ihn ist, und die genannten Punkte bewusste Mittel der Verdeutlichung sein könnten. In dem Fall finde ich sie aber ungeschickt ausgeführt. Wir reden hier von einer Zivilisation aus 150 Milliarden Menschen, Krebs ist geheilt und ein jahrhundertelanges Leben möglich, man reist zwischen den Sternen und kommt mit jahrelangen Zeitverschiebungen klar, man ist außerirdischen Intelligenzen begegnet, KI ist allgegenwärtig, man bewohnt Planeten die so fremdartig sind, dass sie evolutionären Einfluss auf den Körperbau der jeweiligen Menschen haben - dass vor diesem Hintergrund die Menschen dann im Grunde trotzdem bloß Amerikaner von heute sind, ist unglaubwürdig und langweilig.
Des Weiteren ist Simmons Stil oft nervig, besonders seine Vorliebe für Wiederholungen. Ein Charakter etwa sieht besagtem Lincoln ähnlich - wann immer die Person auftritt, wird auf diese Ähnlichkeit hingewiesen. Eine andere Person leidet an einer seltsamen Krankheit, und ihre Auswirkungen werden bei fast jedem Vorkommen des Charakters nochmal kurz erläutert. Verbrennungsopfer sehen aus wie zwergwüchsige Preisboxer - komischer Vergleich, aber offenbar gut genug um ihn mehrfach einzusetzen. Der Shrike hat Augen wie Rubine, durch die Laser leuchten - das kommt in fast jeder Shrike-Szene vor. Ein besonderes Steckenpferd von Simmons ist das englische Substantiv "score" im Sinne von "zwanzig". Simmons zählt alles in "scores". Auf Plätzen tummeln sich "scores" von Passanten, am Himmel fliegen "score"-weise Vögel umher. Ein Eingeborenenvölkchen zählt seine siebzig Einwohner als "drei score und zehn". Klar, Schrullen hat wohl jeder Autor, aber bei Sätzen wie "Lamia had thought of that a score of times as she hiked up the six hundred and three-score stairs..." wird es albern. Ist das ein Geheimcode, ein Scherz, Resultat einer Wette mit dem Lektor?
Störender als diese Macken ist aber Simmons Obsession für den englischen Dichter John Keats. Ich kannte ihn nicht (normalerweise sicher eine Schande, aber hier freut es mich). Nach Überfliegen des Wikipedia-Artikels hat man schon genug Wissen über Keats um zu erkennen, dass Simmons die Verweise auf Keats kurzes Leben und Wirken kübelweise eingestreut hat, damit wirklich auch der ignoranteste Lyrikgegner mitbekommt, wie großartig er Keats zu finden hat. Nach dem ersten Teil wird einem Keats zu den Ohren raushängen, und dabei wird es erst im zweiten Teil richtig schlimm. Nicht nur dass alles mögliche nach Keats und Begebenheiten aus seinem Leben benannt ist, er darf auch selber mitspielen, ist Dichter, Diplomat, Actionheld, Frauenheld, Cyberpunker, Märtyrer und Erlöser der Menschheit. Viele Kapitel lesen sich wie Fan-Fiction, in denen ein Teenager Fantasien über ein verehrtes Idol niedergeschrieben hat.
Was bleibt sind ein paar gute Kurzgeschichten und Ideen, eingebettet in Belanglosigkeiten. Und das Geheimnis des Shrike ist letzten Endes auch enttäuschend - wenn man bedenkt, dass der Roman Ende der Achtziger geschrieben wurde, und dass eine andere unaufhaltsame zeitreisende chromglänzende Mordmaschine mit Totenschädel und rot-leuchtenden Augen wenige Jahre zuvor in Hollywood erfolgreich war, dann kommt einem der Hintergrund des Shrike auch irgendwie bekannt vor. Abschließend werde ich zwar einige gute Erinnerungen behalten, denn für Teile des Buchs konnte ich mich durchaus begeistern. Insgesamt habe ich mich beim Lesen aber mehr geärgert oder gelangweilt.
Ein Kritikpunkt an dieser Ausgabe (nicht am Roman selbst) ist die hohe Anzahl von Tippfehlern. Das geht schon in der Zusammenfassung auf der Umschlagrückseite los, peinlich. Oft sind es Fehler, bei denen durch einen falschen Buchstaben ein anderes Wort entsteht (z.B. "he's a sky" statt "he's a spy"), so als ob sich der Verlag auf ein Rechtschreibkorrektur-Programm ohne Sinn und Verstand verlassen hätte. Andererseits passt das ja zu einem Buch, das die Abhängigkeit der Menschen von ihren Maschinen kritisiert. :-)