"The Fall" ist einer der schoensten, kluegsten und poetischsten Filme, die ich je gesehen habe. Vor allem aber ist er frei von Kitsch.
In einem Krankenhaus im Los Angeles des fruehen 20. Jahrhunderts treffen sich die kleine Einwanderertochter Alexandria, die beim Orangenpfluecken vom Baum gestuerzt ist, und der schwer verletzte, depressive Stuntman Roy, dessen Freundin ihn verlassen hat. Zwischen den beiden entspinnt sich eine Freundschaft, als Roy beginnt, Alexandria mit fantastischen Geschichten aus dem Krankenhausalltag herauszuheben, allerdings nur im Gegenzug dafuer, dass sie ihm heimlich Morphiumtabletten verschafft, mit denen er sich umzubringen gedenkt.
Ihr kleiner Handel fliegt auf, als Alexandria beim Tablettenstehlen von einer Leiter stuerzt und sich erneut verletzt. Geplagt von schlechtem Gewissen, aber unfaehig, sich aus seiner Depression zu loesen, setzt Roy seine Geschichte fort, die immer duesterer und grausamer wird. Alexandria jedoch laesst nicht zu, dass er sich fallen laesst. Ihr Beharren auf der Rettung seines fiktionalen Alter Ego reisst Roy schliesslich aus der Selbstsucht, die mit seiner seelischen Not einhergeht, und vertreibt seine Suizidgedanken.
Die Beziehung zwischen Roy und der ernsten kleinen Alexandria, die alles fuer seine Geschichten, aber zunehmend auch fuer ihn selbst tut, waermt das Herz deswegen, weil sie nie den einfachen Ausweg nimmt. Anders als andere Filme, die das Verhaeltnis eines Kindes zu einem fremden Erwachsenen beschreiben, werden keine billigen Stereotype, keine einfachen Schwarz-Weiss-Szenarios angeboten. Der Mann manipuliert das Kind, er tut der Kleinen am Ende mit der Art, wie er die Geschichte entwickelt, sogar weh, aber das bedeutet nicht, dass er nichts fuer sie empfindet. Und das Kind spuert, dass der Mann die Pillen, die es ihm verschafft, nicht nehmen sollte, es fuerchtet offensichtlich, dass er daran sterben koennte, und gibt sie ihm trotzdem, in der stillen, entschlossenen Hoffnung, ihm dennoch irgendwie zu helfen.
Roy und ALexandria bleiben nicht ewig zusammen. Sie muss wieder Orangen pfluecken, und er wird wieder Stuntman; es wird keine ruehselige Freundschaft fuer's Leben beschworen, und Alexandrias wirtschaftliche Existenz verbessert sich nicht. Der Film loest ein Problem, ein grosses: er loest Roys Todessehnsucht auf. Aber er behauptet nicht, die Welt verbessern zu koennen.
Was jedoch vielleicht das Schoenste ist, ist die Art, wie die Geschichte erzaehlt wird. Die manchmal fast naiv stereotypen Bilder der fiktionalen Welt, die Roy entwirft, sind das Resultat dessen, was Alexandrias Vorstellungskraft daraus macht - die Vorstellungskraft eines Kindes, das nicht den Unterschied zwischen einem Indiander und einem Inder kennt, sich aber die Wuesten so weit, die Meere so tief und den menschlichen Heldenmut so grenzenlos vorstellt, dass der erwachsene Zuseher unwillkuerlich geruehrt ist.
Ein wunderbar gespielter, hochintelligenter und sehr sensibler Film ueber die Grenze zwischen Wahrheit und Fiktion, das Verhaeltnis zwischen Erzaehler und Publikum und die herrliche Einfacheit menschlicher Zuneigung.