Die Stücke auf dieser CD zeigen uns zum grössten Teil einen meditativen, nach innen gewandten Sviatoslav Richter. Sie beginnt mit den "Nuages gris" von Franz Liszt, gefolgt von der "Légende" und dem dritten Satz der 6. Klaviersonate von Sergej Prokofiev. Prélude und Fugue in F, op. 87 no. 23 von Dmitri Shostakovich schliessen sich an - alles leise, nachdenkliche Kompositionen.
Es folgt das Werk "Prélude, Choral et Fugue" von César Franck. Wegen dieses Opus wollte ich die CD unbedingt haben. Sviatoslav Richter schreibt dazu in seinen Tagebüchern: "Zum ersten Mal hörte ich 'Prélude, Choral et Fugue' vor schrecklich langer Zeit in Odessa ... Ich habe mich wahnsinnig in dieses Werk verliebt und sofort beschlossen, es zu spielen (ohne dass damals für mich die geringste Aussicht auf eine Karriere als Solist bestanden hätte)."
In meiner Sammlung befinden sich 3 Aufnahmen des Werks von Franck, gespielt von Richter: Die erste wurde 1956 in Moskau aufgenommen, erschien beim russischen Label Melodiya und überzeugt musikalisch in jeder Hinsicht. Sie zeigt uns den jugendlich ungestümen Richter, das Finale ist von geradezu ekstatischer Emphase. Das Klavier klingt voll und rund, bei den Fortissimo-Passagen leider mit leichten Verzerrungen, vor allem im Diskant. Auf der gleichen CD finden sich noch Werke von Schubert, Chopin und Bartók.
Die zweite Aufnahme erschien in der "Monitor Collectors series" (Aufnahmedatum unbekannt). Hier klingt das Klavier ziemlich dumpf, die Höhen fehlen, und Richter spielt merkwürdig zurückhaltend, fast unterkühlt.
Die dritte, hier vorliegende Aufnahme ist ein Konzertmitschnitt (vermutlich von August 1982, als er das Werk in mehreren Konzerten in Deutschland spielte). Die Tonqualität ist sehr gut, das Publikum diszipliniert, und Richter spielt voll innerer Anteilnahme, mit feinsten dynamischen Abstufungen vom gehauchten Pianissimo bis zum hymnischen Fortissimo. Eine exemplarische Wiedergabe dieses zentralen Klavierwerks von César Franck.
Der andere grosse Höhepunkt auf der CD ist Beethovens letzte Klaviersonate op. 111, mit ihrem zerklüfteten ersten Satz, dessen Kontraste und Abbrüche Richter mit eherner Wucht gestaltet, und mit der Arietta, in der er sich, nach der aufgewühlten, stürmischen dritten Variation, gegen Ende des Satzes in überirdische Sphären vortastet. Auch dies ein Konzertmitschnitt, der das Publikum zu Recht begeistert.
Die CD schliesst mit den Werken "Poème-Nocturne" und "Vers la flamme" von Alexander Scriabin.
Die Tonqualität ist auf der ganzen CD sehr gut bis ausgezeichnet. Die meisten Aufnahmen finden sich auch in der 2007 erschienenen 11teiligen, 22 Discs umfassenden Reihe "Richter The Master" von Decca, welche die meisten Richter-Aufnahmen von Philips und Decca enthält (die Beethoven-Sonate in volume 1). Mit der grossen Ausnahme des Werks von César Franck, das bedauerlicherweise nicht berücksichtigt wurde. Weshalb wohl? Auch verschiedene Schumann-Aufnahmen von Philips (u.a. die Toccata op. 7) fehlen in der Decca-Reihe; sie finden sich z.T. auf den CDs der fünfteiligen Reihe "The essential Richter" (auf "Richter the virtuoso", "Richter the poet", "Richter the philosopher").