Wer sich mit dem Oeuvre des werten Glass vertraut wähnt, findet eine Art Best-Of-Album beim ersten Erspähen völlig überflüssig. Doch es lohnt eine nähere Betrachtung. Essentiell ist diese Zusammenstellung keineswegs, dennoch hat sie ihre Berechtigung. Erlaubt diese Auswahl doch einen Überblick über die Vielfalt Glass'scher Kompositionskunst. Das Etikett des Minimalisten haftet gleich einem Stigma an dem Maestro. Zu Unrecht, wie diese CD deutlich unterstreicht! Oper, Klavierkonzert, Ballettmusik, symphonische Stücke - all dies findet sich auf der 1993 erstmals veröffentlichten Compilation. Lediglich seine grandiosen Soundtracks, von denen wohl Koyaanisqatsi ein Monument für die Ewigkeit ist, sucht man vergebens, wenngleich Facades einem solchen entlehnt sein könnte. Auch wurden neuere Werke wie Kundun, Naqoyqatsi oder etwa die Heroes-Kollaboration mit Brian Eno und Davie Bowie nicht mehr nachträglich in die Zusammenstellung aufgenommen.
Hauptaugenmerk liegt auf den Opern, 6 der 13 Tracks sind ihnen entnommen. Speziell der "Evening Song" sei besonders erwähnt, eine wunderschöne, höchst lyrische Arie aus Satyagraha (1980). Seine Erstlingsoper Einstein on the Beach von 1976 - damals höchst revolutonär - ist mit bloß einer Hörprobe eindeutig unterrepräsentiert. Ein weiterer Schwerpunkt liegt in seinen Beiträge zu Ballett und Tanztheater. "A Gentleman's Honor" muß an dieser Stelle hervorgehoben werden, sehr stimmig und wundervoll. Last but not least finden wir eine Reihe konzertanter Stücke à la Metamorphosis Four oder etwas Closing, die vor allem den 'Piano Man' Glass näherbringen.
Zweifelsohne darf The Essential Philip Glass als perfekte Einstiegsdroge demjenigen empfohlen werden, der gewillt ist sich mit dem größten zeitgenössischen Komponisten auseinanderzusetzen. Ein echter Glass-Apostel freilich braucht die Silberscheibe nicht, er hat die einzelnen Werke ohnehin bereits in seinem Herrgottswinkel versammelt.