Nicht erst seit der Serie "Prison Break" habe ich eine Schwäche fürs "Gefängnisfilm"-Genre entwickelt. Viele alte ("Der Gefangene von Alcatraz", "Gesprengte Ketten", "Papillon", "Brubaker", ...) und moderne Vertreter ("Die Verurteilten", "Murder in the First", "Dead Man Walking"...), die das Leben hinter schwedischen Gardinen mit unterschiedlichen Leitgedanken veranschaulichen, rangieren allgemein ganz hoch in meiner Gunst. Jedenfalls dann, wenn sie sich nicht auf platte Action und schikanierende Wärter beschränken. Ausgeklügelte Vorbereitungsphasen einer Flucht, durch Haft bedingte Isolation, Entmenschlichung, unter den Häftlingen gebildete Hirarchien, psychologische Dramen - das Genre bietet inhaltlich viele Möglichkeiten.
Der jüngst im Free-TV zu sehende "The Escapist" setzt auf ein eher unkompliziertes Story-Gerüst und konzentriert sich - wie der Titel es schon vermuten lässt - allein auf den Gefängnisausbruch. Gut gewählte und auch gut spielende Charakter-Mimen, der beengt fotografierte Knast-Kosmos und ein schöner, kühler Inszenierungsstil sprechen klar für den Film, so dass der fehlende Anspruchsgehalt nicht weiter negativ auffällt. ABER: Die Schlusspointe ist eine filmische Lüge. Anders kann man es nicht bezeichnen.
Frank Perry sitzt eine lebenslange Haftstrafe ab, davon liegen bereits 14 Jahre zurück. Eigentlich hat er sich mit seiner Situation längst abgefunden, denn als alter Mann hat er im Knast-Alltag nichts zu befürchten. Er hat sich längst angepasst und kennt die Regeln, die innerhalb der Mauern gelten. Ein Brief seiner Frau - der Erste seit langer Zeit - zwingt ihn jedoch zu einer Verzweiflungstat: Ihre junge Tochter ist der Drogensucht verfallen und droht daran zugrunde zu gehen. Um sein Mädchen retten zu können, plant er so schnell wie möglich einen Ausbruch, bei dem er auf die Hilfe mehrerer Mitinsassen angewiesen ist...
"The Escapist" hält sich an bewährte Genre-Zutaten: ein Haufen ungleicher Knastbrüder (ein alter Mann, ein Haudrauf, ein Drogen-Mischer, ein Organisator und ein Neuankömmling) mit unterschiedlichen Fluchtmotiven, die einen akribisch durchdachten Plan austüfteln und im entscheidenden Moment die Biege machen. Originell ist das Debüt von Regisseur Rupert Wyatt nun wahrlich nicht, aber das muss ja nicht zwangsläufig nachteilig für den ganzen Film sein. Anders als bei "Die Verurteilten" oder ähnlichen Vorbildern wird auf massenhaft Dialoge und vertiefende Vorstellung der einzelnen Charaktere verzichtet (die Umschreibung ist grob, aber gerade ausreichend), was dafür mit Mimik-Spiel und Körpersprache des Schauspieler-Ensembles ausgeglichen wird. Interessant ist auch, dass einige unter den bekannten Gesichtern entgegen ihrer sonst üblichen Rollen-Spezialisierung ungewohnte Figuren verkörpern. Brian Cox darf hier die abonnierte Bösewichts-Rolle mal auslassen und zur Abwechslung einen rüstigen, väterlich wirkenden Herren spielen, was ihm trotz zurückhaltender Vorstellung keinerlei Probleme bereitet, genügend Charisma und Sympathie auszustrahlen. Joseph Fiennes, den man eher als Dramen-Schauspieler und aus Historien-/Kostümfilmen kennt, agiert hier als muskelbepackter Schlägertyp, und das überraschend gut. Und da wäre noch Rotschopf Damian Lewis, der sich erstmals von seinem "Good Guy"-Image löst und als alles kontrollierender Gangster mit eiskaltem Blick einen überzeugenden Eindruck hinterlässt. Der restliche Cast erweist sich als solide bis gut, bei der Wahl des Personals wurden demnach keine Fehler begangen.
Um inszenatorisch ein bisschen aus dem Rahmen zu fallen, wird die Story nicht logisch fortlaufend, sondern in verschachtelter Form erzählt. Während man die ruhig gehaltene Planungsphase des Ausbruchs beobachtet, wird stückchenweise ein Teil der bereits stattfindenden, mit Hektik erfüllten Flucht reingeworfen. Der Sprung zwischen den beiden Handlungsebenen hat eine elektrisierende Dynamik, weil der Zuschauer vom ruhigen Gefängnisalltag in das schnell gefilmte Finale hin- und hergerissen wird. Das Ganze klingt toll, hat aber einen kleinen Haken: Da jedes weitere Puzzlestück der Flucht das Ableben des einen oder anderen Flüchtigen vorweg nimmt, verpufft die Spannung rund um die Frage, ob und wem der Weg in die Freiheit gelingt.
Und was Frank betrifft: Die finale Wendung rund um sein persönliches Schicksal passt nicht zum Rest, darum fühlt man sich als Zuschauer nicht ohne Grund ein wenig betrogen. Der Schluss-Akt bringt die bis dahin gut aufgebaute Fassade des Films gehörig ins Brökeln, was nicht hätte sein müssen.
Fazit:
"The Escapist" lockt mit guten Akteuren, einer stilvollen Inszenierung und einer gut festgehaltenen Knaststimmung. Leider geht dem Film zum Ende hin ein wenig die Luft respektive Spannung aus, und der abschließende Twist lässt den Seher mit einem unschönen Stirnrunzler zurück. Trotzdem hat mich (als Genre-Interessent) diese Knastgeschichte sehr kurzweilig unterhalten, darum drücke trotz des misslungenem Endes ein Auge zu und rund das Ergebnis von 3,5 auf volle 4 Sterne auf.