Dies ist keine einfache Musik. Man sollte sie nicht auf die leichte Schulter nehmen.
Auch Jahrzehnte nach ihrem Tod hat Nico immer noch genug Power, um unvorbereitete Zuhöhrer in Depressionen stürzen zu lassen.
Es geht hier, wieder mal, um die düsteren Seiten des Daseins, und - der Titel verrät es - um das Ende, das Abschiednehmen, und die damit verbundenen großen Gefühle. Das alles mit Nicos voller Stimme, und ihrem abgrundtief düsteren Charakter, der jedem Ton weitere, düsterere und unheilbringendere Untertöne einzuverleiben scheint.
Dabei ähnelt diese Platte eher ihrem frühen Meisterwerk "The Marble Index" als den meisten anderen Platten. Und tatsächlich kann sie es (fast) mit diesem aufnehmen. Ein paar Effekte weniger, und man könnte sie fast für eine "Sequel" zu "Marble Index" halten, wäre da nicht... tja, wäre da nicht das Titellied: Nico-untypisch - eine Coverversion: "The End" von den Doors. Ein Klassiker. Alleine schon, dass sie die Verve hat, ein solches Stück zu covern ist eine Provokation. Und was sie daraus macht - genial! Bei ihr geht die Ödipus-Sequenz noch mehr unter die Haut als im Original, bei ihr wird der Abschied noch schmerzhafter, das Ende noch endgültiger.
Mehr noch: "The End" ist Dreh- und Angelpunkt dieses Albums, und nicht (wie man vielleicht vermuten könnte) nur ein weiterer Bonustrack. Hier kulminiert das "Ende" zu einem Schlusspunkt, der endgültiger kaum sein könnte.
Sollte man meinen: Aber dann setzt Nico noch einen drauf: Das Lied der Deutschen: Alle drei Strophen! War "The End" noch eine Provokation für Liebhaber von Rock-Klassikern, provoziert sie nun das deutsche Verständnis von "Political Correctness". Alleine schon die Tatsache, dass das "Lied der Deutschen" *nach* dem "Ende" kommt, zeigt, dass dies nicht ohne Hintergedanken geschehen ist. Aber man muss auch sagen, dass sie sich hier auf sehr, sehr dünnes Eis gewagt hat.
Ich persönlich meine, die Platte wäre besser gewesen ohne diese letzte Provokation. Aber ich denke, man muss ihr Respekt zollen dafür, dass sie es gewagt hat. So wie man ihr Respekt zollen muss für die enorme Innovationskraft, die sie hier (und anderswo) zeigte. Musiker wie Björk, Jocelyn Pook, Dead Can Dance und zahllose andere bauen heute auf ihrem Erfindungsreichtum auf. Sie ist eine der wenig bekannten, aber ganz, ganz großen Innovatoren der Musik des 20. Jahrhunderts!