The End ist ein junger Dokumentarfilm über ein in den 50er und 60er Jahren (angeblich) sehr aktives Londoner Gangsterkartell. Ich habe das weltweite organisierte Verbrechen schon mehr oder weniger ausgiebig studiert, und keiner der Interviewten, die hier zu Wort kommen, ist mir bekannt: Muss nichts heissen, kann eine Bildungslücke sein, allerdings verweisen auch die Ergebnisse einer Google-Suche der Beteiligten ausschliesslich auf den Film. Die Geldeintreiber, Leibwächter und der Kopf der Organisation sind mittlerweile Männer um die 60, und dürfen hier frei von der Leber weg über ihre Karriere erzählen. Gedreht wurde der Film von der Tochter des Big Bosses, die auch die Interviews führt: Dass die journalistische Distanz unter solchen Voraussetzungen bisweilen ein wenig zu kurz kommt, versteht sich von selbst - man hat auch nicht den Eindruck, dass der jungen Dame die Taten ihres alten Herren peinlich wären. Ganz im Gegenteil. Der Grundton schwankt zwischen Jovialität und offener Bewunderung, die Interviews finden in entspannter Atmosphäre im Wohnzimmer oder Garten statt, für die Regisseurin ist die Brutalo-Gang offenbar genauso harmlos wie der eigene Großvater, der von seinen Kriegserlebnissen erzählt. Dass das Publikum eine so unverhohlene Begeisterung für immerhin in Mord, Totschlag und Raub verwickelte Männer nicht ganz teilen kann, auch wenn diese das Rentenalter erreichen, scheint ihr nicht in den Sinn zu kommen.
Bevor man auf aber auf diese moralische Komponente eingeht, kann für die Bewertung schon einmal festgehalten werden, dass der Film ausgesprochen uninformativ ist: Von den kriminellen Geständnissen, die der Untertitel in Aussicht stellt, erfährt man in 90 Minuten keine Spur: Jedesmal, wenn es spannend wird, berufen sich die Betreffenden auf ihre nach wie vor gültige Omerta, die es ihnen verbietet, vor der Kamera ein Wort über ihre Taten zu sprechen: Warum man dann überhaupt einen Film über sie machen soll, bleibt ungeklärt.
Die Regisseurin sieht es auch nicht für nötig, nachzubohren; was der kriminelle Hintergrund dieser Männer ist, was sie denn so schlimmes getan haben, bleibt somit fast vollständig außen vor: Es werden viele verschiedene Themen angerissen, in erster Linie Raubüberfälle, Körperverletzung oder illegale Boxkämpfe, die Details bleiben aber im Nebel, und es scheint, als sei dies von den Menschen hinter der Kamera durchaus gewollt: Kein Gespräch wird sauber zu Ende geführt, keine zehn Sekunden verticken, ohne dass nicht irgendeine stylishe Schnittmontage dazwischenplärrt: The End hat mehr Ähnlichkeit mit einem MTV-Videoclip als mit dem Genre, das "Shoah" und den "Mann mit der Kamera" hervorgebracht hat. Auch technisch nimmt es die Regisseurin nicht allzu genau: In den Rückblenden werden Wochenschauaufnahmen aus Berlin 1945 streckenweise als Bildmaterial der Londoner Nachkriegszeit ausgeben.
Auch die Äußerungen, die den Herren dann erlaubt sind, bleiben wenig ergiebig, denn dank der gewollt entspannten Gesprächsatmosphäre und ganz ohne kritische Gegenstimme, dürfen die Männer hemmungslos ihr Seemannsgarn spinnen: Jeder von ihnen ist natürlich ein harter Hund, der schon als kleiner Junge ums Überleben kämpfen musste, jeder einzelne von ihnen hat schon vor seiner ersten Rasur hunderte Zähne ausgeschlagen; und von dort ist es dann auch nur ein kleiner Schritt zur ersten Anklage wegen Totschlags, und im Knast geht es munter weiter: Von Reue oder Selbstreflexion keine Spur (die Opfer kommen natürlich auch nicht zu Wort), stattdessen wird viel posiert und der Bizeps in die Kamera gehalten - und die Regisseurin sperrt vor Ehrfurcht Mund und Nase auf.
Ich möchte hier weniger ein moralisches sondern vielmehr ein qualitatives Urteil fällen - und eine 90minütige Aneinanderreihung von ermüdenden Räuberpistolen qualifiziert sich für mich nicht schon automatisch als Dokumentation: Alle Stimmen und Sichtweisen außerhalb des kriminellen Zirkels bleiben ausgeblendet, Archivmaterial oder Kriminalhistoriker bekommt der Zuschauer ebenfalls nicht zu sehen: The End ist keine Doku, es ist ein einseitiges Sofa-Plauderstündchen mit Kleinkriminellen im Rentenalter, die bei ihren Anekdoten immer redlich bemüht sind, dem Vorredner noch eins draufzusetzen (wenn erstmal von herausgerissenen Lungen die Rede ist, werden Sie wissen, was ich meine).
Um den Gesamteindruck etwas abzumildern, wird es dann kurz vor Schluss doch noch etwas nachdenklich: Wenn die Herren auf ihr Leben zurückblicken, dann würden sie nicht alles noch einmal genauso machen, einer von ihnen hat das Christentum entdeckt, aber wenn sie wirklich etwas bereuen, dann in erster Linie, dass sie einmal geschnappt wurden; und bei all dem Mord und Totschlag, der Gewalt, den Freunden, die man in Schiessereien verlor, überwiegt doch bei allen der Eindruck, dass es irgendwie "eine geile Zeit" war.
Die Entschuldigung, dass The End den kritischen Zuschauer ansprechen soll, und ihm einfach ohne erhobenen Zeigefinger Äußerungen und Bilder vorsetzt, die er selbst bewerten muss, ist eindeutig zu kurz gegriffen: Verbrechen wird es immer geben, und es wird immer eine (berechtigte) Faszination auf Dokumentarfilmer ausüben; wenn es sich aber zur Mode etabliert, 90 Minuten lang gealterte Soziopathen vor der Kamera darüber schwadronieren zu lassen, was sie für tolle Hechte sind, und dass heutige Verbrecher einfach keinen Schneid und keine Ehre mehr haben, dann ist dies eindeutig ein falsches Signal. Wenn ich eine Doku über ein Verbrecherkartell sehe, will ich zwar keine vor Sentimentalität triefende Schluchzgeschichte über die Opfer sehen, aber gerade wenn man die hochsubjektiven Äußerungen eines Kriminellen einfängt, der über einen eingeschlagene Schädel spricht, wie vom Kirschenklauen in Nachbars Garten, hat man als Dokumentar-Regisseur die Pflicht, dem eine ergänzende Gegenstimme gegenüberzustellen. Sonst verkommt die eigene Doku zur Fanveranstaltung, und sonst haben wir morgen vielleicht die Münchener U-Bahn-Schläger und 20-Cent-Messerstecher vor der Kamera, die sich lang und breit mit ihren Taten brüsten, und sich darüber auslassen, dass die Schlägertypen heutzutage einfach kein Format haben.