"The Empyrean is my new record (...). It is a concept record that tells a single story both musically and lyrically. The story takes place within one person, and there are two characters." So kündigte John Frusciante sein neues Album im November 2008 über das Internet an, weiter hieß es "I've listened to it a lot for the psychedelic experience it provides."
Dieses Album muss man meiner Ansicht nach mehrfach hören, um es zu verstehen, denn im ersten Eindruck neigt man zu der Aussage "schwere Kost". Außer dem bereits bekannten "Unreachable" erscheint zunächst kein Lied wirklich eingängig, man hört relativ wenig Gitarre, das Album klingt insgesamt durch Soundeffekte sehr "produziert". Nachdem das alles etwas gesackt ist, wendet sich das Bild zum Positiven, denn im Grunde profitiert "The Empyrean" von der gesammelten Erfahrung des Musikers, Sängers und Songwriters John Frusciante, der hier zusätzlich noch besondere Akzente als Produzent setzt und sich nicht scheut, neue Sachen auszuprobieren.
Beim Hören sollte man sich an die zu Beginn zitierten Worte erinnern, es war seine Absicht, auch musikalisch eine Geschichte zu erzählen, dies wird an den vielen Kontrasten klar, die das Album aufweist: Mal laute Passagen, mal ganz leise, hier sanfte Geigenklänge oder ein schwebender Soundteppich, dann wieder eine verzerrte E-Gitarre oder kraftvolle Drums mit Hall-Effekt. Wenn an manchen Stellen so viele instrumentale Schichten übereinander liegen, dass dies den Zuhörer verwirrt, ist dies wahrscheinlich genau der Plan, den John beim Mixen hatte, "psychedelische Erfahrung" passt auf alle Fälle.
Auch die Stimme setzt Frusciante mit dem gleichen Hintergedanken ein, man erlebt eine weitere Evolution der Variationsmöglichkeiten seiner Stimme. Egal ob mit tiefem Bass oder engelsgleicher Falsett-Stimme, er klingt in allen Passagen sicher und setzt darüber hinaus besondere Akzente, wie Flüstern oder Schreien. Doch für den Produzenten Frusciante reichte dies nicht, daher ist der Gesang in mehreren Liedern bearbeitet worden. Sei es, dass er einen der beiden Stereokanäle dominiert oder mit Hall hin und her flattert oder so verzerrt wird, dass man den Eindruck bekommt, dieser Teil sei unter Wasser aufgenommen worden.
Wer John Frusciante als Gitarrenheld verehrt, ist vermutlich beim ersten Stück bereits im "Empyrion" angekommen. Mit über 9 Minuten ist "Before The Beginning" das längste Stück des Albums und rein instrumental. Es startet sehr leise, alsbald setzen Drums mit Echo-Effekt ein und dann die E-Gitarre, zunächst entspannt, dann ein bisschen wehmütig und Dank wah-wah und anderer Effekte niemals langweilig. Das nächste Stück ist sehr ruhig, "Song To The Siren" vermittelt musikalisch und textlich die Stimmung des Protagonisten dieses Konzeptalbums. Sparsam eingesetzte Instrumente und Johns beeindruckender Gesang ohne Verzerrung runden das Bild ab. Im 3. Lied "Unreachable" bieten rhythmische Drums eine interessante Abwechslung, die Stimme kommt mit Echo oder auch mal mit einer Art Blubber-Effekt. Dann folgt ein geniales Instrumentalstück mit "Rhodes" Klängen (elektronisches Piano), wah-wah-Gitarre und groovendem Bass (das ist Flea!).
In "God" hört man John mit heller, zunächst sanfter Stimme als zweiten Charakter. Kraftvolle Drums und elektronische Percussions bauen schon bald Stimmung auf, Gitarre und E-Piano folgen und der Gesang wird eindringlicher. Zum Ende wird es wieder ruhig und Geigen (Sonus Quartet) setzen ein, eine überraschende, aber bestechende Erweiterung des musikalischen Repertoires. Das 5. Stück "Dark/Light" beinhaltet eigentlich zwei Lieder. Zu einer traurigen Klavier-Melodie - später mit Orgelsound - hört man Johns empfindsame Stimme, die nach wenigen Sekunden mit extremen Hall (klingt irgendwie rückwärts) schon fast unkenntlich gemacht wird, Ausdruck für die innere Verzweiflung des Charakters. Nach 2:43 erfolgt der Wechsel zu "Light", eingeläutet durch Johns Falsett-Gesang, wundervoll ergänzt durch die tiefe Stimme eines Sängers der New Dimension Singers, später setzt dann der gesamte Gospel Chor ein. Dieser Teil besticht neben dem Chor v.a. durch den Rhythmus, den der Bass vorgibt (diesmal zupft John selber), man hört Gitarre und Synthesizer, später auch Hall beim Chor. Ebenfalls für "Light" typisch sind die etwas nervenden elektronischen Beats.
"Heaven" ist ein sehr ruhiger Song, Johns Gesang klingt hier besonders verwundbar. Begleitet wird er von Gitarre und Flea am Bass, später gesellen sich E-Piano und Drums (beides Josh Klinghoffer) dazu, ganz am Ende auch wieder das Streicher Quartett. Dieses Lied sollte man nicht unterschätzen, es gewinnt stark nach mehrmaligem Hören. Bei Nr. 7 "Enough Of Me" singt John mit eher tiefer Stimme, die im Refrain z.T. verzerrt wurde und zerrissen klingt. Die Gastmusiker Flea (Bass) und wie Johnny Marr ("multiple guitars" im ersten Teil) treten eher in den Hintergrund angesichts des folgenden Gitarrensolos, bei dem Mr. Frusciante einen neuen Stil ausprobiert, in dem sich hohe und tiefe Töne abwechseln, und durch Effekte einen geradezu traumatisierenden Sound produziert.
Der Höhepunkt des Albums, "Central", beginnt mit akustischer Gitarre (Johnny Marr), Klavier und unverzerrtem Gesang. Nach kurzem Elektrogeklimper folgt ein psychedelisches Outro über fast 5 Minuten, in dem John immer wieder die gleichen Zeilen singt. Zunächst von Streichern begleitet, geht der Gesang in den Hintergrund und überlässt den Geigen das Spielfeld, dann folgt ein unheimlicher Sound mit Hall, Synthesizer übernehmen, ein E-Gitarrenriff mischt sich ein, alles schwillt an zu einer multidimensionalen Soundlandschaft, ein Schrei ertönt, dann wird der Gesang wieder lauter zur letzten Runde und einsame Geigen läuten das Ende (wortwörtlich?) ein. Episch!
Das Stück Nr. 9 "One More Of Me" ist der musikalische Zwillingsbruder von Nr. 7, hier überrascht John Frusciante mit imponierender Bassstimme, nach den Angaben im Booklet ohne "treatment". Das ruhige Lied ist textlich ein Ankerpunkt für das Verständnis des Albums. Instrumental zunächst zurückhaltend mit E-Piano und Streichern, läutet ein Schrei eine brillante Darbietung des Sonus Quartets ein, welch geistreiche Alternative zum irren Gitarrensolo bei Nr. 7! Beim letzten Lied "After The Ending" ist die Stimme mit Echo verzerrt und erneut recht unkenntlich gemacht, sie klingt trotzdem nicht mehr so düster wie bei Nr. 5. Klavier und Synthi-Geblubber geben diesem Stück eine besondere Atmosphäre, die das Album perfekt abrundet. Die letzten Weisheiten werden nur noch geflüstert, also gut zuhören!
"Whatever you create from love - is a gift from the place which some call above" ("One More Of Me") sagt eigentlich alles über "The Empyrean", ein tief beeindruckendes Album, entstanden aus der Liebe zur Musik. Danke, John.