Das vorliegende Werk wurde von der New York Book Review zu einem der zehn besten Bücher des Jahres 2010 gewählt. Die Besprechung dort war so euphorisch, dass ich mich - obwohl von dieser schlimmen Krankheit nicht betroffen und nicht unter morbidem Geschmack leidend - doch zur Lektüre entschlossen habe. Bei diesem Thema versteht es sich, dass man als Leser ungefähr alle 5 Seiten kräftig schlucken muss; es beginnt bereits mit einem Hammer-Zitat im Vorspann: In den USA erkranken eine von drei Frauen und einer von zwei Männern zu Lebzeiten an Krebs.
Das eigentlich Werk setzt mit einer Geschichte zu einer berufstätigen Frau, Hausfrau und Mutter ein, die ohne große Voranzeichen an Leukämie erkrankt und der von heute auf morgen eine Überlebenschance von 30% bei einer Chemotherapie von 1 Jahr (!) prognostiziert wird; sie ist ungläubig erleichtert, denn sie hatte ihren eigenen Fall schon aufgeben. Das Beispiel zeigt dem Alltagsleser beeindruckend, was seine Erfahrenswelt von der eines Betroffenen trennt, wie schnell aber auch die eine in die andere übergehen kann.
Der Stil des Buches ist im Gegensatz zu diesen schockierenden Informationen sehr empathisch und sensibel gehalten; der Autor legt es nicht auf billige Sensationen oder Schockeffekte an, die hier an jeder Wegbiegung zu haben wären. Er selbst erlebt den Fall der an Leukämie erkrankten Frau als Assistenzarzt und zeigt dem Leser, was ein neuer Leukämiefall auch aus Sicht der betroffenen Ärzte an Belastungen bedeutet. Die Bösartigkeit und vermeintliche Unbezwingbarkeit der Krankheit "Krebs" veranlasst ihn erst dazu, eine Art "Biographie" des Königs der Krankheiten zu schreiben.
In deren ersten Teil geht es um die Geschichte der Krebsforschung, die darstellerisch geschickt um den Chemiker und Pathologen Sidney Farber angeordnet ist, der als erster Leukämie mit einer Chemotherapie bekämpfte. Es fällt auf, dass in ersten Abschnitt vor allem deutsche, englische und amerikanische Ärzte eine hervorragende Stellung in der Medizingeschichte einnehmen. Bei allem Schrecken bleibt dabei auch Zeit für den einen oder anderen ironischen Schwankt ("Humours in Tumors" lautet eine Bildüberschrift): Der deutsche Arzt Paul Ehrlich erhält nach Verleihung des Nobel-Preises eine Audienz beim Hypochonder Kaiser Wilhelm II., der ihn ängstlich fragt, ob er auch ein Mittel gegen Krebs bereit habe (Ehrlich hatte ein Mittel gegen Syphilis gefunden). Als Ehrlich ausholt, um die Schwierigkeiten einer Krebstherapie zu erklären, wird er vom Monarchen indes rasch und ungeduldig hinausgewunken; an Problemen war man offensichtlich nicht interessiert. Düster hingegen erscheint der Hinweis auf einen Papyrus des Ägypters Imhotep (Architekt der Stufenpyramide von Sakkara), der im 3. Jahrtausend vor Christus an ca. 50 Fallbeispielen verschiedene Krankheiten und deren Heilung beschreibt, bei Brustkrebs aber einsilbig verlauten lässt: Heilmittel existieren nicht. Der Leser erfährt viel von den Leistungen der Chirurgen, der Röntgenologen und vor allem in den weiteren Teilen über die modernen Möglichkeiten der Chemotherapie. Dazwischen findet sich ein ausführliches Kapitel, dessen Titel für sich spricht "Prevention is the cure". Gegen Ende werden die Informationen zu den spezifischen Forschungsrichtungen der Onkologie immer spezfischer und - nicht untytpisch für dieses literartische Genre - auch etwas hoffungsstiftender. Dennoch lässt einen der Ernst des Sujets und dessen Schwere betroffen zurück.
Das Buch ist glänzend geschrieben und kann dem Interessierten vor allem deshalb empfohlen werden. Demjenigen, der persönlich nach Argumenten sucht, sich das Rauchen abzugewöhnen oder sich mit den zunehmenden Rauchverboten in der Öffentlichkeit abzufinden, sei vor allem das Kapitel "Prevention is the Cure" empfohlen.
Fazit: Ein gut geschriebenes Buch zu einem furchtbaren Thema!